13. Dezember – Kochbuch der Erinnerungen

Kochbuch der Erinnerungen

Immer wenn ein Blaubeerpfannkuchen
in der Pfanne brutzelt,
sehe ich es vor mir, wie meine Mutter mit roten Wangen und bunter Schürze in der Küche steht und diese spezielle hausfrauliche Energie verbreitet, die den Raum erfüllt und die ich heute noch spüren kann, genau wie den Geschmack auf meiner Zunge.
Im Laufe meiner Kindheit habe ich solche besonderen Geschmackserlebnisse abgespeichert und mir einen Vorrat im Kochbuch der Erinnerungen angelegt.
Dazu gehören auch die Reibekuchen, oder sollte ich sie treffender „Regenkuchen“ nennen, die mein Vater mit voll freudiger Begeisterung zubereitet hat, allerdings nur, wenn Regenwetter war. Dann saß er hochmotiviert am Küchentisch und rieb eine Kartoffel nach der anderen. Er erzählte, dass früher nur dann Zeit war, solch ein aufwändigeres Essen zuzubereiten, wenn die Feldarbeit ruhte.
Manchmal durfte ich mir von meiner Mutter ein Essen wünschen und das war dann ganz bestimmt: Kartoffelknödel mit Sauerbraten. Dieses Rezept steht zwar im Kochbuch der Erinnerungen, aber es wird von mir nicht selbst zubereitet, weil niemand aus der Familie diese Vorliebe mit mir teilt.
Meine Mutter war eine gute Köchin. In jungen Jahren besuchte sie ein Mädchenpensionat. Ich konnte mir das nicht so richtig vorstellen. Es hatte für mich die Assoziation von einer Schulung zur Bediensteten in Haushalten der begüterten Gesellschaft. Aber ich glaube tatsächlich, dass es damals einfach zum guten Ton gehörte, wenn man es sich leisten konnte, seiner Tochter eine derartige Ausbildung angedeihen zu lassen, damit sie eine „tüchtige Hausfrau“ werde.
Leider hatte meine Mutter den Großteil ihres Lebens wenig Zeit, all das Gelernte auszuleben, denn die Arbeit im eigenen Geschäft forderte sie mehr als genug.
Aber manchmal schaffte sie sich Raum, um unsere Küche in ein duftendes Koch- und Backparadies zu verwandeln. Sie war eine Meisterin im kunstvollen Verzieren von Torten, mehrstöckige versteht sich, je höher desto besser! Dieses Talent habe ich nicht geerbt, aber Pfannkuchen backe ich auch ganz gerne und gar nicht mal so schlecht.
Wenn ich Geburtstag hatte wünschte ich mir viele Jahre lang aus unerfindlichen Gründen immer ein und denselben Kuchen, nämlich „Kalter Hund“. Es war jedes Mal die gleiche intensive Vorfreude und nachdem ich ein Stück davon gegessen hatte, fragte ich mich jedes Mal, was mich „geritten hatte“ mir diesen viel zu süßen und fettigen Kuchen zu wünschen.
Wenn es Kartoffelpüree gab dann drückte ich dieses mit Vorliebe auf dem Teller platt, so dass ein Großteil des Tellers damit ausgefüllt war und grub mit meiner Gabel Straßen ins Püree. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann ich die Lust an dieser kreativen Esskultur verloren habe.
Ich erinnere mich an den Nudelsalat mit einem schweinchenrosafarbenen Dressing, ich denke es bestand hauptsächlich außer Mayonnaise und ein wenig Tomatenmark, in der Kindheit habe ich ihn geliebt und heute würde ich mich schütteln, wenn ich ihn serviert bekäme.
Was lernen wir daraus: Der Geschmack und die Vorlieben mögen sich im Laufe des Lebens verändern, aber die kleinen Glücksmomente bleiben in unseren Erinnerungen immer abrufbar.

11. Dezember – Heute feiern wir ein Freudenfest

Ansprache zum Geburtstag einer Freundin

Heute feiern wir ein Freudenfest
weil wir so glücklich sind, dass du geboren bist.
Eigentlich ist es das Privileg des Geburtstagskindes
die schönsten Geschenke in den Händen zu halten.
Aber das Leben hält die wundersamsten Überraschungen für uns bereit
und so können wir heute voller Dankbarkeit staunen
welch kostbares Geschenk wir in unseren Herzen tragen,
weil du an unserer Seite bist.
Wenn wir zurückschauen auf die vielen Jahre,
die du uns mit deiner Freundschaft begleitet hast,
sehen wir eine Spur voller Licht, Liebe und Wärme.
Doch das Wesen des Geschenkes liegt in der Wechselseitigkeit.
Es braucht immer Beides: Sender und Empfänger
und deshalb sind hier heute lauter Glückskinder versammelt,
die füreinander zum Geschenk geworden sind.

9. Dezember – Jetzt sind die Schneemänner wieder glücklich

Ohweh, da standen sie nun auf dem Tisch und boten einen jämmerlichen Anblick. Zwei Schneemänner die ich aus der Kiste mit Weihnachtsdeko geholt hatte um sie ihrer Bestimmung zuzuführen. Wie in jedem Advent sollten sie dazu beitragen, unserem Wohnzimmer einen winterlichen Flair zu verleihen.

Aber dazu waren sie in ihrem jetzigen Zustand keineswegs in der Lage! Was war geschehen? Sie hatten aus unerfindlichen Gründen ihre Nasen verloren.

Verdiente ein Schneemann ohne Nase eigentlich noch den Namen Schneemann? Ich wühlte in der Kiste, denn ich vermutete, dass sie sich im Gedränge mit den Wichteln, Sternen und Leuchtkugeln die Nasen angestoßen und dabei abgebrochen hatten. Aber ich konnte nur mit verständnislosem Kopfschütteln feststellen, dass sie nicht mehr auffindbar waren. Als ich grüblerisch meinen Blick im Wohnzimmer umherschweifen ließ, blieb er an dem Elch, den ich kurz zuvor aus der Kiste geholt hatte hängen.

Ich stutze und nahm ihn etwas genauer in Augenschein. „Aha“, dachte ich, „da haben wir ja den Übeltäter“! Er konnte seine schändliche Tat nicht verdecken, denn Maul und Nase hatten sich durch den Mundraub leuchtend karottenorange verfärbt. 

Was blieb mir anders übrig, ich bastelte kurzerhand zwei neue Nasen und erntete als Dank ein glückliches Lächeln der nun wieder vollständigen Schneemänner. Ich werde beim Wegpacken im Januar peinlich genau auf die Platzverteilung in der Kiste achten, der Elch wird auf jeden Fall weitab von den Schneemännern in der entgegengesetzten Ecke verstaut!

8. Dezember – Das Glück

Das Glück

Es war einfach unglaublich,
da hatte das Glück tage – und wochenlang
damit zugebracht,
hinter ihr herzulaufen,
sie zu umgarnen,
ja sogar sich ihr in den Weg zu stellen,
nur damit sie endlich das Glück entdecken würde.
Aber sie war einfach schneller,
ließ sich nicht halten
und lief im Zickzackkurs gekonnt um das
Glück herum,
als ob sie eine neue sportliche Disziplin
erfunden hätte.
Sie war geübt und so ausdauernd trainiert,
dass das Glück schließlich völlig entkräftet aufgeben musste.
Es blieb einfach am Rand des Weges liegen,
und da liegt es immer noch,
denn es hatte beschlossen,
sich niemals mehr gewaltsam aufzudrängen.
Fortan wollte es nur noch freiwillig gefunden werden.
Wenn du es entdecken möchtest,
dann sei gewiss,
dass es geduldig wartet
und sich von dir finden lässt.

Du fragst mich, wie das Glück aussieht und wie du es erkennen kannst?
Das Glück hat tausend mal tausend Gesichter.
Manchmal erkannte ich es in dem Strahlen der Kinderaugen,
zuweilen auch in einer leuchtenden Blume im Feld.
Ich konnte es in der Melodie des Windes hören
und in der salzigen Meeresluft schmecken.
Vielleicht legt es sich dir als moosiger Waldweg unter die Füße
oder begegnet dir in einem ehrlichen Wort aus Freundesmund.
Wenn du es gefunden hast, weißt du wie es aussieht,
aber nur für diesen Augenblick und für dieses eine Mal!
Es lässt sich nicht halten und schon bald
wird es sich ein neues Gewand anlegen.
Das Glück hat tausend mal tausend Kleider.

6. Dezember – Glückliches Wiedersehen

Glückliches Wiedersehen

Wenn ihr schon einmal lange vergeblich gesucht und dann schließlich wehmütig euer Bemühen eingestellt habt, dann könnt ihr euch vermutlich ungefähr vorstellen, warum mein Herz gerade vor Freude hüpft.
Ich bin richtig glücklich, weil ich nicht mehr mit einem Wiedersehen gerechnet hatte.
Nachdem ihr noch eine Weile weiter gelesen habt, werdet ihr womöglich verständnislos den Kopf schütteln, sobald ihr feststellt, dass es sich hier keineswegs um eine Wiederbegegnung mit einer alten Freundin handelt sondern nur um ein paar lächerliche Metallfiguren.
Aber ich kann euch versichern, es kommt nicht auf das Material an , Äußerlichkeiten sind nicht maßgeblich als Auslöser für Glücksgefühle!
Diese drei etwas kindlich und naiv wirkenden Gesellen deren Köpfe je eine goldenen Krone ziert hatte ich vor Jahren irgendwo auf einem Weihnachtsmarkt oder beim adventlichen Stadtbummel entdeckt und mich auf den ersten Blick verliebt. Sie zogen mich sofort magisch an und verzaubert musste ich sie unverzüglich mit nach Hause nehmen.
Seither hatten sie in jeder Advent- und Weihnachtszeit einen festen Platz in unserem Wohnzimmer.
Deshalb war der Schrecken groß und die Wunde tief, die der leere Platz in mein Herz riss, als meine drei Könige in der letzten Woche in der Dekorationskiste fehlten!
Es fiel mir keine andere Erklärung ein, als dass ich beim Ausmisten meiner Deko-Sammlung diese drei Schätzchen versehentlich in die Kiste mit den Sachen aussortiert hatte, die zum Verkauf für einen guten Zweck weitergegeben wurden.
Ich wähnte sie also schon irgendwo in einem fremden Haus und nur der Gedanke, dass sie nun mit ihrem Charme einen anderen Menschen froh machten, konnte mich ein wenig trösten.
Heute nun habe ich meine Deko-Kisten erneut durchwühlt, weil ich die von mir gesammelten Zapfen an eine Mutter weitergeben möchte, die sie gemeinsam mit ihren Kindern bunt anmalen und anstatt Weihnachtskugeln als Tannenbaumschmuck verwenden möchte. Und bei dieser Gelegenheit habe ich ganz unten im hintersten Winkel eine weitere Kiste mit Weihnachts-Deko entdeckt und darin meine geliebten Könige!
Da stehen sie nun an ihrem Platz und wenn ihr näher hinseht könnt ihr das leicht verschmitzte Lächeln erkennen.
Ich bin auf jeden Fall im Moment richtig glücklich und zufrieden.

5. Dezember – Ein Buch aus der Kindheit

Vor zwei Wochen hat sich für mich ein Wunsch erfüllt: Der beste Ehemann von allen fuhr mit mir nach Frankfurt in das Staedel Museum. Dort ist zur Zeit eine Ausstellung über Vincent van Gogh. Die Bilder dieses Malers begleiten mich schon seit meiner frühen Kindheit. Ich bekam ein Bilderbuch geschenkt, das von ihm erzählt und mit einigen seiner Gemälde illustriert ist. Ich hatte das Buch im Vorfeld, seit ich von der Ausstellung erfuhr vergeblich in meinem Bücherschrank gesucht. Ich war schon wehmütig und konnte es nicht glauben, dass ich dieses mir so wertvolle Buch weggeben haben sollte. Aber was soll ich sagen, diese Adventszeit hält immer wieder freudespendende und glücklich machende Überraschungen für mich bereit. Von einer weiteren Überraschung erzähle ich euch morgen, heute nun zu meinem „Maler Vincent“, wie er im Buch genannt wird. Als ich am Vormittag im Regal über meiner Arbeitsecke in meinen Bastelbüchern herumkruschelte, weil ich eine bestimmte Bastelanleitung suchte, fiel mir plötzlich dieses Bilderbuch in die Hände und zauberte ein glückliches Lächeln auf mein Gesicht.

Ich vertiefte mich in die Lektüre und fast war es mir, als wäre ich mit einer Zeitmaschine in die Kindheit zurück gereist. Auf der letzten Seite des Buches hielt ich staunend über der Beschreibung des letzten Gemäldes inne: Sonnenblumen. Ich zähle doch genau diese Blumen schon lange zu meinen Lieblingsblumen. Nun bekam ich die Antwort darauf, warum ich wohl gerade Diese besonders in mein Herz geschlossen habe.

„…was meinst du Vincent“, sagte der Wirt zu ihm, „kannst du nicht ein Bild malen mit einer so hellen Sonne darauf, dass wir auch in der Nacht Licht davon haben? Dann könnte ich meine Laterne ausschalten!“ Und er lacht über seinen Spaß. Aber Vincent denkt noch lange darüber nach. Nein, ein Bild, das von selbst leuchtet wie die Sonne, kann man nicht malen. Aber vielleicht etwas Ähnliches. Es sind Blumen, Sonnenblumen… (aus dem Buch „Der Maler Vincent“ Laurin Luchner – Herder Verlag)

Diese Erlebnis hat mich nachdenklich gemacht und es wuchs eine Ahnung in mir, wie Prägungen in der Kindheit entstehen. Mir wurde bewusst, wie groß die Verantwortung von uns „Großen Menschen“ ist und was wir dazu tun können, um Kindern gute, stärkende, kreative Impulse zu geben.

4. Dezember – Glücksmomentesammler

Glücksmomentesammler

Das Geschenk des Augenblickes ist ein Stück Himmel
mit einer Lücke in den Wolken, die groß genug ist
um mir ein Sonnenbad zu gewähren.
Das Wetter rundherum, ob vorher oder nachher
ist mir völlig gleichgültig,
denn ich bin ein Glücksmomentesammler.

Das Geschenk des Augenblickes sind zwei Hundepfoten
die sich auf meine Knie stellen, um mir zu zeigen,
dass es Zeit für eine Schmuserunde ist.
Mein Stimmungsbarometer rundherum, ob vorher oder nachher
ist mir ganz unwichtig,
denn ich bin ein Glücksmomentesammler.