Loslassen

Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber.
Sie kommen durch euch, aber nicht von euch,
Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht.
Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken,
Denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben, aber nicht ihren Seelen,
Denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen, das ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen.
Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein, aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen.
Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilt es im Gestern.
Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt werden.
Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der Unendlichkeit,
und Er spannt euch mit Seiner Macht, damit seine Pfeile schnell und weit fliegen.
Lasst euren Bogen von der Hand des Schützen auf Freude gerichtet sein;
Denn so wie Er den Pfeil liebt, der fliegt, so liebt er auch den Bogen, der fest ist.

Khalil Gibran, arabischer Dichter, 1883-1931

Dieses Gedicht von Khalil Gibran enthält die ganz Wahrheit in wundervolle Worte gekleidet.

Und dennoch: Der Weg vom Verstand zum Herzen ist oft sehr weit . . .
Das Loslassen ist schmerzhaft und das gestehe ich mir zu.

0 Gedanken zu „Loslassen

  1. Ein wunderbares Gedicht. Mir wird es bestimmt eines Tages unheimlich schwer fallen loszulassen, das merke ich jetzt schon täglich…… Doch nur wenn wir sie wirklich loslassen, kommen sie auch gerne zu uns zurück. War es bei uns anders? Wohl kaum.
    LG Susanne

  2. Schöne, treffende Worte! Loszulassen kann für so viele Lebenslagen wichtig sein. Und auch in anderen Lebenslagen kann es schwer und gleichzeitig so wohltuend sein. Und oft ist das Loslassen der Schlüssel zum Wiederfinden.

  3. Wir haben es so nach und nach gelernt.
    Sie fuhr mal weg, übers Wochenende, so war es halt.
    Dann bekam sie eine Stelle weit, weit weg, und da in der Gegend ist sie auch geblieben.
    Es war gar nicht so schlimm. Telefon gibt es immerhin, das wurde in den ersten Jahrem sehr intensiv genutzt. Mit dem Kennenlernen von Freunden dort vor Ort nahm das dann natürlich ab.
    Wir verstehen uns immer noch ausgezeichnet, das ist für mich wichtig.
    Liebe Grüße zu dir. sie sind halt erwachsen…..

  4. Es stimmt, liebe Beate,

    das Loslassen kann sehr schmerzen, aber wenn das Verhältnis zu den Kindern immer gut und gesund war, dann folgen diesem Prozess meist wieder andere … neue … auch schöne Zeiten. Man bekommt eine Tochter oder einen Sohn dazu und mit etwas Glück auch ein paar Enkelchen. Schmerz bei der Trennung zu empfinden, ist aber auch ganz normal, schließlich ist jeder Abschied auch wie ein kleines Sterben …

    Ein lieber Gruß
    von der Waldameise

  5. Liebe Frieda, ja so ist das wohl, dass erst im Loslösen mit dem Abstand der eigene Weg das Selbstbewusstsein gefunden werden kann, aber das gilt in diesem Prozess für die Kinder wie auch für die Eltern.
    Du hast Recht, es ist eigentlich kein schlechtes Zeichen, wenn es nicht leicht ist.
    Und am schlimmsten stelle ich es mir auch vor, wenn gar keine richtige Beziehung da war.

  6. Das ist wirklich ein ganz toller Text! Ja, so in der Art ist es wohl. Wie schön, wenn Eltern es so handhaben…
    Wenn’s „nicht leicht ist“, ist das aber auch wiederum ein gutes Zeichen! Denn dann heißt das ja, dass überhaupt eine Beziehung da war. Es gibt ja auch ignorante Eltern, da braucht gar nix „gelöst“ werden, da ist es recht wurscht, ob die Kinder da sind oder nicht, geschweige denn, dass sich irgend jemand dafür interessiert, wie es ihnen geht.

    Ich denk auch, wenn man eine wirkliche Beziehung zu den Kindern hatte – dann kommen sie nach dem Loslösen meist auch wieder 🙂 (auch wenn es zunächst nicht so scheint – sie brauchen ja erstmal den Abstand, um sich selber und ihre eigene Standfestigkeit zu erkunden).

    P.S.: Dein neues Blog-Outfit ist aber schick 🙂 🙂

    Grüssle, frieda

  7. Wundervolle Gedanken über „Loslassen“ von Khalil Gibran. Loslassen gehört zum Leben, gehört zum Ablauf unserer Lebens-Zeit. Wir müssen auch loslassen von alten Neigungen, Tätigkeiten, Begebenheiten, Befindlichkeiten und so weiter. Die Zeit bringt Neues und Altes muss dann zurückbleiben, damit das Neue genügend Platz hat und gedeihen kann. In diesem Sinne wünsche ich Dir eine gute Zeit.
    Ernst

    • Ja, das Loslassen erstreckt sich auf viele Lebensbereiche, das ist wahr.
      Und es ist ein Prozess der ein Leben lang nicht endet.
      Schön ausgedrückt, von Dir, dass Altes dem Neuen Platz machen muss. . .

  8. Hallo Beate,
    wir haben die Phase des Loslassens in diesem Jahr gleich zweimal erlebt.Sie fällt schwer gehört aber zum Leben. Das Loslassen fordert aber beide Seiten. Beide Seiten müssen loslassen und jeder muss seine eigenen Wege gehen.
    Liebe Grüße und danke für die schönen Zeilen von Khalil Gibran.
    Harald

  9. sehr schoene und vor allen dingen passende worte.

    ja, das loslassen ist sehr schwer, das gebe ich zu. aber es kommt eines tages. es gab aber auch mal eine zeit da wollten wir selbst losgelassen werden.

    liebe gruesse
    Sammy

  10. Liebe Beate,
    das ist nicht nur ein wundervoller weiser Text, sondern auch eine hohe Kunst.
    Das Thema Loslassen an sich, ist schon schwierig. Die Kinder in ihre eigene Welt zu entlassen, ohne sie nach persönlichen Vorstellungen zurechtzubiegen, ohne, dass sie etwas für uns leben sollen …. puh … wer ist schon als Vater oder Mutter tatsächlich so frei ?
    Solange ich sie für meine „Zwecke“ brauche, fällt es schwer, sie ziehen zu lassen.
    Vielleicht ist es besser, den Zweck loszulassen, denn dann gibt es nichts zu verlieren. Im Gegenteil.
    Alles Liebe von Joona

    • Nein, perfekt kann keine Mutter und kein Vater sein, wir können uns nur bemühen unser Bestes zu geben. Aber es ist sehr wichtig, was Du schreibst, dass wenn wir den Zweck loslassen, es nichts zu verlieren gibt!

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