Miriam und Valentin und die vielen Fragen

Miriam und Valentin und die vielen Fragen

Miriam war 6 Jahre alt und hatte viele Fragen.
Ihren Mitmenschen ging sie mit ihrer ausdauernden Fragerei ziemlich auf die Nerven.
Dies hatte verschiedene Gründe:
Zum einen waren Miriams Fragen von solcher Art, dass sie sich nicht so einfach im Handumdrehen beantworten ließen.
Nein, im Gegenteil, sie forderten die Befragten dazu heraus, über das Leben nachzusinnen.
Die meisten Menschen aber verwendeten eine Menge Energie darauf, genau solche Fragen zu verdrängen und fühlten sich dann durch Miriam aufgerüttelt und unangenehm berührt.
Zum anderen hatten die Menschen für gewöhnlich etwas Besseres zu tun, und Miriams Fragen kamen dann natürlich immer im falschen Augenblick und sie wurde dadurch zum lästigen Störenfried.

Es war ein großes Glück, dass Miriam ihren Großvater hatte.
Valentin wurden Miriams Fragen nie zu viel. Er hatte immer offene Ohren und ließ sich geduldig auf sie ein.
Im Gegensatz zu den meisten anderen Menschen, wenn sie dann ausnahmsweise mal eine ihrer Fragen beantworteten, ließ Valentin sich meist sehr viel Zeit, bis er die Antwort gab. Manchmal dauerte es sogar mehrere Tage, aber er versäumte es nie!

Eines Tages kam Miriam wieder einmal zu Großvater Valentin und fragte:
„Warum ist unser Herz manchmal schwer und manchmal leicht?“
„ Wieso sterben herzlose Menschen nicht, haben sie etwa noch ein zweites Herz in Reserve?“
„ Warum haben manche Menschen ein großes Herz, warum wächst es nicht bei allen Menschen gleich?“
„ Wie können wir andere Menschen in unser Herz schließen, wo sind die Tür und der Schlüssel zum Herz und wie passt ein so großer Mensch in ein so kleines Herz hinein?“
„Halt, halt halt“, fiel Valentin Miriam ins Wort, deren Fragen sich wie die Perlen einer langen Kette aneinander reihten.
Das war eine außergewöhnliche Reaktion, denn er ließ Miriam sonst immer ausreden.
„Miriam, ich bin mir sicher, wenn Du mir ein wenig Zeit lässt, dann finde ich eine Antwort, die alle deine Fragen gleichzeitig beantwortet, auch die, die du jetzt noch stellen wolltest.“
Miriam gab sich zufrieden, denn sie wusste, dass sie die Antwort sicher bekommen würde.

Als drei Tage vergangen waren, rief Valentin das Mädchen zu sich und sagte:
Weißt du, ich kann mir vorstellen, dass wir Menschen zwei Herzen haben.
Eines davon ist das Körperherz, dessen Schlag du in deiner Brust spürst.
Das zweite können wir Seelenherz nennen.
Es ist größer als unser Körperherz und umgibt es wie eine Schutzhülle.
Wenn wir es zulassen, dann wächst dieses Seelenherz im Laufe des Lebens immer weiter und weiter. Je größer es wird, desto mehr Platz ist in unserem Leben für die Liebe und desto weniger Platz bleibt für Sorgen und Ängste.

Nachdem Miriam ihren Großvater lange mit großen Augen nachdenklich angeschaut hatte sagte sie schließlich:
„Opa, du hast mir wirklich fast alle Fragen auf einmal beantwortet, aber eine Frage ist doch noch übrig geblieben.
Du hast gesagt, dass unser Seelenherz immer weiter wächst, wenn wir es zulassen. Was bedeutet das, wie kann ich mein Seelenherz wachsen lassen?“

Das war der Moment, in dem Miriam zum ersten Mal erlebte, dass Großvater Valentin ihr keine Antwort auf ihre Frage gab, sondern ihr erwiderte:
„Diese Antwort kann ich dir nicht geben, du allein kannst sie nur finden, wenn du dein Seelenherz fragst.“

(C) Beate Neufeld, 05.10.2014
Herz

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