Eine kleine  Laterne

Gerne erinnere ich mich an meine Kindheit, wenn der 11. November, das Fest des heiligen Martins herannaht. Ich denke an den Laternenumzug mit der festlichen Blasmusik, an das Pferd und den Martin, gespielt von einem Mann der  sich verkleidet hatte und auf dem Pferd reitend den Umzug anführte. An die vielen Laternenlichter, die von uns Kindern durch die Straßen  getragen wurden. Es war zwar erst früher Abend aber weil es ganz dunkel war verbreitete sich eine ganz eigene Stimmung. Ich kann sie im Herzen noch spüren aber sie lässt sich nicht in Worte fassen. Vor mein inneres Auge kommt das Bild vom Bettler, der am Straßenrand saß und vor dem das Pferd Halt machte.Der Martinsmann nahm seinen  Mantel und teilte ihn mit dem Schwert mitten entzwei. Er beugte sich hinunter und gab dem Bettler eine Hälfte. Dieses Geschehen hat mich in jedem Jahr wieder im Innersten berührt. Es hat in mir den Wunsch geweckt, auch zu teilen. Ich erinnere mich, dass ich einmal einige Tüten  voll Kleidung und Spielzeug zum Zirkus gebracht habe, der bei uns im Dorf gastierte. Ich hatte zuvor die Kinder beobachtet, die im abgezäunten  Bereich spielten und die für mich sehr ärmlich aussahen. Später hatte ich eine Freundin, die bei uns im Dorf wohnte und die noch mehrere Geschwister hatte. Der Vater war Alkoholiker und wenn er nicht schlief war er sehr furchterregend aggressiv. Die Mutter war meist bis abends zum Arbeiten unterwegs und so musste Sonja, weil sie die Älteste war, Mutterersatz für ihre Geschwister sein. Sie war sehr dünn und blass, hatte immer alte, abgewetzte Kleidung an und roch nicht gut. Sie sah schmuddelig aus. Mir tat es irgenwie weh, zu erleben, wie sehr sich ihr Leben von meinem unterschied. Ich habe heimlich Spielzeug und Kleidung gebracht, denn der Vater durfte auf keinen Fall etwas merken, sonst hätte er Sonja geschlagen. Aus heutiger Sicht denke ich, dass das Spielzeug und die Kleidung nicht das Wichtigste waren, vielmehr meine Freundschaft, denn mit Sonja wollte sonst keiner spielen.

Ich erinnere mich heute auch an meine schönste Martinslaterne. Sie war aus schwarzer Pappe in die mit Scherenschnitt Märchenfiguren geschnitten und mit buntem Transparentpapier hinterlegt waren. Die Freude an dieser Laterne war groß, aber sehr kurz, denn kaum waren wir im Martins Umzug  losgelaufen, fing sie Feuer, damals hatten wir noch echte Kerzen darin, und brannte im Nullkommanix ab. Ihr könnt euch vorstellen , dass das viele Tränen gab. Dieses Erlebnis habe ich vor einigen Jahren meiner Tochter Rebecca erzählt und daraufhin bekam ich von ihr zum Weihnachtsfest eine Minilaterne, die sie selber gebastelt  hat, sozusagen als Seelentröster und Ersatz für die abgebrannte Laterne meiner Kindheit . In jedem Jahr erfreue ich mich daran.

6 Gedanken zu „Eine kleine  Laterne

  1. Meine Erinnerungen an St. Martin sind ähnlich wie Deine, nur bekamen wir Kinder nach dem Martinszug einen Stutenkerl geschenkt, das war das besondere Highlight. Inzwischen gibt es einen Martinsbrezel für die Kinder, doch bei uns im Haus ist es immer noch Tradition, dass wir uns am 11.11. einen Stutenkerl kaufen oder manchmal auch selber backen.
    Du hast eine ganz besondere Tochter, die sich dieses Ereignis so gemerkt hat und Dir eine Martinslaterne gebastelt hat. Solche Geschenke sind wertvoller als alles Geld der Welt.
    LG Susanne

    • Liebe Susanne, dein Sturenkerl , den Ausdruck kenne ich übrigens von meiner Mutter, sie war gebürtig aus Gladbeck, hieß bei uns Weckmann. Er hatte eine tönerne weiße Pfeife und Rosinenaugen. Den gibt es hier in der Pfalz leider nicht.
      Meine Tochter hat mir ihrem liebevollen Geschenk mein Herz berührt und das ist wahrlich unbezahlbar.

  2. Danke für das Teilen deiner Erinnerungen. Die sind mir sehr nahe gegangen. Besonders, das du eine kleine Laterne, von deiner Tochter hergestellt, bekommen hast. Das finde ich sehr schön und es zeugt von einer liebevollen Beziehung zwischen euch.
    Teilen, oh ja, es ist wichtig.
    Liebe Grüße von der Gudrun.

  3. Zum ersten mal seit 10 Jahren kamen heute 3 kleine Mädels und sangen vor unserer Haustür das Martinslied. Zum Glück hatte ich für jedes Mädchen etwas zum Naschen.
    Wir sind als Kinder auch immer singen gegangen und manchmal war es bitterkalt und schneite.
    Warum es in manchen Orten am 11.stattfindet ist mir nicht bekannt.
    Laternenumzüge gab es nicht, wir Kinder aus der Straße gingen singend einmal um den Blog.
    Abgebrannt ist so manche Laterne.

    LG Mathilda ❤

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