Der wehrhafte Hirsch

Eine Freundin ergatterte neulich bei einem privaten Hofflohmarkt einen Hirschkopf aus braunem Kunststoff. Sofort als sie ihn dort erblickte, hatte sie einen Plan. Er sollte hübsch weiß angestrichen und mit silbernem Weihnachtsschmuck verziert in diesem Jahr als besonderes Schmankerl ihre Weihnachtsdekoration bereichern.
Sie zögerte also nicht lange und  begann mit der farblichen Verschönerungsaktion.
Sehr sorgfältig pinselte sie den Hirschkopf bis in die feinste Ritze hinein mit einem jungfräulichen Reinweiß.
Die Farbe war noch nicht gänzlich getrocknet, da begann schon die Wandlung:
Der Hirschkopf verfärbte sich in ein zartes Rosa.
Unbeeindruckt machte sich meine Freundin ans Werk und trug eine zweite Farbschicht auf. Das Ergebnis war dasselbe. Schon leicht angesäuert machte sie sich am nächsten Tag erneut ans Werk, aber was soll ich sagen, der Hirsch hatte „den längeren Atem“.
Wenn ihr jetzt annehmt, dass sich meine Freundin geschlagen gab, kennt ihr sie schlecht. Sie fuhr in den Fachmarkt für Künstlerbedarf und ließ sich bestens beraten.
Die Lösung lag sofort auf der Hand: Der Kunststoff muss, bevor die weiße Farbe aufgetragen wird, zunächst mit  einer speziellen Grundierung überpinselt werden, dann aber würde der Hirsch ob er wolle oder nicht in reinstem Weiß erstrahlen.
Meine Freundin scheute die nicht ganz so kostengünstige Investition nicht und machte sich siegessicher erneut ans Werk.
Der Lohn war ein sehr zu ihrer Zufriedenheit ausgefallenes Ergebnis ganz nach ihren Vorstellungen.
Der Hirschkopf war so schön anzuschauen, dass er sogar noch lange vor Beginn der Adventzeit einen Ehrenplatz in der Küche an der Wand der Essecke bekam.
Die Idylle aber währte nicht lange. Bereits am nächsten Tag, als meine Freundin mit ihrer Tochter am Esstisch saß, deutete diese mit einer Kopfbewegung hinauf zum Hirsch und sagte sehr vorsichtig : „Ich meine, er ist nicht mehr so ganz weiß wie er gestern noch war?“  Die leise Vorahnung wuchs von Tag zu Tag zur Gewissheit:
Dieser Hirsch wahr äußerst wehrhaft.
Wenn er  schon nicht braun bleiben durfte, wollte er sich aber auf gar keinen Fall in sein Schicksal ergeben. Tief in ihm wurde jetzt sein inneres (Hirsch)Kind wach, das von den Hirscheltern in ein starres Konzept der typisch männlichen Geschlechterrolle gezwäng wurde.  Er durfte zum Beispiel nie seine Vorliebe für zarterosa  Blüten ausleben.Jedes Mal wenn er seine Nase in diese verlockend duftetenden Objekte seiner Begierde stecken wollte, wurde er unverzüglich von seinem Vater weggedrängt mit der Rüge, dass sich das für  einen  Hirschjungen auf keinen Fall schicken würde.
Jetzt hatte er, mit den Jahren zu einem stattlichen Hirschen herangewachsen,  das nötige Selbstbewusstsein, um seine wahre Identität zu leben.
Meine Freundin wird ihn gerne in seiner Selbstfindung unterstützen und schon bald  werden pinkglitzernde Weihnachtskugeln sein Geweih zieren.
Ich kann mich täuschen, aber wenn ich ganz genau hinsehe, dann kann ich mich des Eindruckes nicht erwehren, dass ein leichtes triumphales Grinsen seine Mundwinkel umspielt.

11 Gedanken zu „Der wehrhafte Hirsch

  1. Was für eine lustige, aber wahre Geschichte. Ich bin am Grinsen. Echt ein wehrhafter Hirsch. Pinke Kugeln – ich muss noch mehr lachen. Das würde ich gern sehen, wenn du noch mal fotografieren darfst zu gegebener Zeit.
    Liebe Grüße von Kerstin.

  2. Herrliche Geschichte, liebe Beate,
    auf den Untergrund kommt es an, mit anderen Worten: die Basis zählt, gell. Ich finde den Hirsch aber auch so zartfarben sehr spannend!
    Lieben Gruß
    moni

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