Identitätskrise

Es war am 30.Juli, an einem eigentlich perfekten Sommertag, als die Sonne ganz furchtbar traurig am Himmel hing. Sie fühlte sich irgendwie total schlaff, lustlos und zu nichts nutze. Dabei hatte sie sich in diesem Jahr ganz besonders ins Zeug gelegt und bereits gegen Ende des Frühlings begonnen sich warm zu laufen, ganz nach dem Motto: „Der frühe Vogel fängt den Wurm!“ Hochmotiviert war sie zur Hochform aufgelaufen, kaum dass der Sommer ins Land gezogen war.

Sie fühlte sich dabei so gut wie nie zuvor, endlich würde sie die Menschen einmal vollends zufrieden stellen und niemand würde verzweifelt das uralte, verstaubte Klagelied von dem legendären Holländer heraus kramen! Nein, in diesem Jahr sollte keiner, aber auch wahrhaftig Niemand sich dazu veranlasst fühlen, die Frage nach dem vermissten Sommer zu stellen, geschweige denn zu singen!

Aber was war geschehen, die Sonne musste fassungslos zusehen, wie ihr anstatt begeisterten Jubelrufen und Beifallsstürmen nur missmutige, erschöpfte und verärgerte Gesichter entgegenblickten.

Anfangs hatte sie angenommen, dass sie doch noch nicht genug gegeben hatte und sich einfach noch mehr anstrengen müsse. Sie mobilisierte also ihre letzten Kraftreserven und schaffte es tatsächlich, die Thermometer noch um einige Grade  herauf zu drücken. Aber je mehr sie über sich selbst hinauswuchs, desto mehr Ablehnung schlug ihr entgegen.

So kam es wie kommen musste. Sie fühlte sich von Tag zu Tag schlechter und bekam nun sozusagen hautnah zu spüren, was eine Sommerdepression ist. Der Mond hatte sich das mitleiderregende Spiel aus der Ferne eine Weile angesehen um dann schließlich in letzter Sekunde helfend einzugreifen. Er hatte schon längst seine psychologische Ader entdeckt und nahm sich emphatisch die Sonne zur Seite, als sie sich hinterm Horizont beim Sonnenuntergang begegneten.

Er schaffte es in relativ kurzer Zeit ihren Blickwinkel zu verändern,denn bekanntlich ist das der Schlüssel zum Erfolg jeder Therapie.

Einige simple Fragen, die er der Sonne stellte, relativierten die Dramatik der Situation. „Kannst du dich an den Sommer des letzten Jahres erinnern? Weißt du noch, wie die Menschen auf deine Inszenierung reagiert hatten? Ja richtig, ich erinnere mich auch noch sehr gut an ihre Klagen über zu viel Regen und dass es überhaupt zu bewölkt sei und viel zu ungemütlich und dass das ja wohl kein ordentlicher Sommer wäre“.

Der Sonne wurde schlagartig klar, dass sie es egal wie sie sich auch drehte und wendete wohl niemals allen Menschen recht machen könne und so trocknete sie sich ihr Tränen der Enttäuschung ab und ließ den Sommer Sommer sein und schmunzelte bei dem Gedanken an ihre Reaktionen auf den kommenden Winter.

6 Gedanken zu „Identitätskrise

  1. Klasse geschrieben, aber mir geht es wie Anna-Lena und Martina, Temperaturen um die 24 Grad würden mir vollkommen reichen und Regen für die Natur, dann würde es uns wohl allen beser gehen.
    Aber Du hast es schon gut erkannt, man kann es nicht jedem Recht machen und irgendwie muss man versuchen mit der Situation klar zu kommen. Ganz ehrlich, ich habe die letzten 2 Wochen viel gejammert, weil es im Büro so unerträglich heiß war…., aber ich habe einen Vorsatz mit in die Zukunft genommen: Falls ich im Winter über die Kälte jammern will, dann will ich mich immer an diese Hitzeperiode erinnern und den Winter Winter sein lassen und NICHT jammern!!!! Denn gegen Kälte kann man sich anziehen, aber bei Hitze…..
    Mal gespannt, ob ich ohne Jammern durch den Winter komme 🙂
    LG Susanne

  2. Das ist aber eine schöne Geschichte und eine wunderbare Metapher, liebe Beate.
    Nicht mal die Sonne kann es allen recht machen. 🙂 Irgendwer wird immer meckern. 🙂

    Mein Wunschzettel an Petrus:
    Mir würden im Sommer 25 Grad reichen, ab und zu eine leichte Brise und nachts bitte runterkühlen. Dazu immer mal Regen, damit es nicht zu trocken wird und das Gras noch grün ist. Den Regen bitte nachts. 😉 *lach*

    Es soll tatsächlich Menschen geben, die diese Hitze schön finden. Puh, das kann ich nicht so ganz nachempfinden, da es ja auch noch furchtbar trocken dazu ist. Vielleicht sind es aber die, die am Meer wohnen oder in den Bergen oder die, die einen Pool haben oder sonstwo gerne schwimmen gehen oder die Klimaanlage Zuhause oder/und in der Arbeit haben. 😉 Hätte ich einen Zauberstab, dann hätte ich den Strohrasen über den Sommer in einen Pool verwandelt. Dann … ja dann vielleicht … 😉

    Ich habe deine Antwort auf Anna-Lenas Kommentar gelesen. Genau das habe ich auch festgestellt. Wenn man den Blickwinkel ändert und sich nicht so ablehnend der Sonne gegenüber verhält, dann erträgt man die Hitze viel besser. Ich übe mich da auch drin, und meistens gelingt es mir ganz gut. Nur gestern, da hatte ich keinen guten Tag. Heute geht’s wieder, weil mein Mann heute mit Felix die Hunderunde gegangen ist und ich ganz früh am Morgen die Frische im Schatten auf der Terrasse bei einer Tasse Kaffee genießen konnte. Das war sooo schön. Fast wurde es mir an den Beinen zu frisch. Herrlich. Morgenstund hat Gold im Mund, auch wenn ich keinen Tag mehr ausgeschlafen bin. Felix tapst fast jeden Morgen schon um 5:45 Uhr auf dem Laminat rum. Klack, klack, klack, klack, klack. Ihm ist es sicher auch zu warm.

    Liebe Grüße,
    Martina, die sich hartnäckig weigert eine Sommerdepression zu bekommen 😉

    • Ja, mir geht es mit dem Temperaturempfinden ganz ähnlich wie dir. Und selbst das Geklackere auf dem Laminatboden zu „unchristlicher“ Zeit ist mir noch in lebhafter Erinnerung.
      Komm weiterhin gut durch den Hochsommer. Es ist ja bereits August…

  3. Die arme Sonne, nie kann sie es uns recht machen.
    Ich gestehe, ich mag sie auch nicht so. Sie bräuchte sich nur herunterkühlen, 10 Grad weniger, dazu mal Wind und Regen und schon wäre sie wieder meine beste Sommerfreundin.

    Anna-Lena in Mit-Sommerdepression …

    • Ich gehöre auch zu der „kühleren Fraktion“, aber ich habe gemerkt, wenn ich der Sonne nicht mehr so ablehnend begegne, wie ich es in den vergangenen Wochen getan habe, dann kann ich mich mit meiner Wetterfühligkeit besser arrangieren.
      Liebe Grüße zu dir.

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