Der Gute Laune Tag

Gerhard, so will ich ihn mal nennen, zeigt sich in der Regel von seiner rauhen, unzugänglichen, aufbrausenden, nörgelnden, jähzornigen Seite. Wenn man ihn direkt anspricht bekommt man nur selten eine Antwort und wenn ausnahmsweise doch, dann spricht er sie in genervtem Tonfall, sehr leise  und vermeidet dabei meist den Blickkontakt.

Es ist keineswegs so, dass er Sprachschwierigkeiten hat, denn er kann sich erstaunlich gewählt und in vollständigen Sätzen ausdrücken , die er aber fast ausschließlich zu sich selber sagt.

Er sammelt gerne alle möglichen Sachen und wenn er ertappt wird und sie dem eigentlichen Besitzer zurück bringen muss, ist seine Laune dann endgültig auf dem absoluten Tiefpunkt.

Gerhard ist ungefähr Mitte Fünfzig und wohnt schon sehr lange in seinem Zimmer des Wohnheimes. Ein Mensch mit geistigem Handicap, der auf Betreuung angewiesen ist. 

Zuweilen kommt seine andere Seite zum Vorschein, dann ist er zu Späßen und Neckereien aufgelegt und wenn sein Gegenüber darauf eingeht, kann er so heftig lachen, dass sein Gesicht ganz rot anläuft und seine Augen zu tränen beginnen.

An solchen entspannten Tagen begrüßt er mich sogar auf seine spezielle Art, mit gespielt mauligem Tonfall höre ich dann wenn ich zur Tür herein komme: „Oooch, immer die Beate do!“ (Soll heißen: Hallo Beate, schön dass du heute da bist!)

Er liebt seine Legobausteine und seine Stofftiere. Zwei davon sind seine engen Verbündeten und so etwas wie sein Tor zur Außenwelt, denn sie tun das für ihn, was er ihnen aufträgt. Sie kommen und knuffen die Betreuer in die Seite, manchmal streicheln sie über einen Arm oder geben einen Kuss auf die Wange. Ein Stofftier trägt den Namen einer ehemaligen Betreuerin, die Gerhard sehr mochte und die bereits berentet ist, nennen wir sie Moni. 

Moni darf in einem Puppenstuhl am Tisch sitzen, wenn wir zusammen essen. Aber nur, wenn Gerhard einigermaßen gut gestimmt ist. Dann versucht sie auch schon mal ihre Nase in meine Kaffeetasse zu stecken oder schmatzt extra laut und holt sich eine „entrüstete Rüge“ von mir ab, sehr zur Erheiterung von Gerhard.

Das andere Stofftier ist erst seit einigen Monaten im Besitz von Gerhard, es gehörte zuvor einem Mitbewohner der gestorben ist. Gerhard wählte dieses Stofftier, als jeder aus der Wohngruppe sich etwas als Erinnerung aussuchen durfte und gab ihm den Namen von dem verstorbenen Mitbewohner.

In der letzten Woche als ich Dienst hatte, war so ein Gute Laune Tag von Gerhard.

Er ließ sich sogar dazu motivieren, mit mir zum nahegelegenen Markt zu gehen, um einige Einkäufe zu erledigen. Moni musste natürlich mit und wurde von Gerhard in seine Tasche gesetzt. Ich zog den kleinen Handwagen für die Einkäufe hinter mir her und lud Moni ein, im Wagen Platz zu nehmen. Gerhard setzte sie sofort mit sichtlichem Vergnügen hinein. Auf dem Rückweg nahm Moni oben auf den Einkäufen Platz und als ich sie so auf den direkt aus der Kühlung kommenden Milchflaschen sitzen sah, sagte ich mit sorgenvoller Stimme zu ihr: „Ach du liebe Zeit Moni, du bekommst ja einen ganz kalten Po, hoffentlich holst du dir keinen Schnupfen!“

Gerhard ging sofort mit seinem komödiantischen Talent darauf ein und machte Niesgeräusche. Jedesmal wenn Moni nieste, hielt ich an, zog ein Taschentuch aus der Tasche, hielt es vor Monis Nase und machte ein sehr lautes Schneuzgeräusch.

Gerhard und ich hatten beide einen großen Spaß an unserem gemeinsamen Spiel.

8 Gedanken zu „Der Gute Laune Tag

  1. Ich bewundere jeden, der täglich mit behinderten oder alten Menschen beruflich zu tun hat. Eine Aufgabe, die mit Sicherheit nicht immer leicht ist, aber ich glaube, Du bist genau die richtige Person dazu und ich denke auch, dass man gerade von diesen Menschen viel Dankbarkeit und auch Freude erfahren kann.

  2. Hallo Beate,
    ich denke zum Umgang mit behinderten Personen gehört ein gehöriges Maß an Einfühlungsvermögen und Kraft. Die Reaktionen sind wahrscheinlich oft auch unerwartet und damit muss man auch umgehen können.
    Schön, dass du dich dieser Aufgabe widmest.
    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende
    Harald

  3. Eine schöne Geschichte, aber ich muss mir mal Gedanken machen, wer Gerhard ist und was er genau will :-)E
    Ein schönes Wochenende wünsche ich dir liebe Beate.

    LG Mathilda ❤

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