Kochbuch der Erinnerungen

Kochbuch der Erinnerungen

Immer wenn ein Blaubeerpfannkuchenin der Pfanne brutzelt, sehe ich es vor mir, wie meine Mutter mit roten Wangen und bunter Schürze in der Küche steht und diese spezielle hausfrauliche Energie verbreitet, die den Raum erfüllt und die ich heute noch spüren kann, genau wie den Geschmack auf meiner Zunge. 

Im Laufe meiner Kindheit habe ich solche besonderen Geschmackserlebnisse abgespeichert und mir einen Vorrat im Kochbuch der Erinnerungen angelegt.

Dazu gehören auch die Reibekuchen, oder sollte ich sie treffender „Regenkuchen“ nennen, die mein Vater mit voll freudiger Begeisterung zubereitet hat, allerdings nur, wenn Regenwetter war. Dann saß er hochmotiviert am Küchentisch und rieb eine Kartoffel nach der anderen. Er erzählte, dass früher nur dann Zeit war, solch ein aufwändigeres Essen zuzubereiten, wenn die Feldarbeit ruhte. 

Manchmal durfte ich mir von meiner Mutter ein Essen wünschen und das war dann ganz bestimmt: Kartoffelknödel mit Sauerbraten. Dieses Rezept steht zwar im Kochbuch der Erinnerungen, aber es wird von mir nicht selbst zubereitet, weil niemand aus der Familie diese Vorliebe mit mir teilt. 

Meine Mutter war eine gute Köchin. In jungen Jahren besuchte sie ein Mädchenpensionat. Ich konnte mir das nicht so richtig vorstellen. Es hatte für mich die Assoziation von einer Schulung zur Bediensteten in Haushalten der begüterten Gesellschaft. Aber ich glaube tatsächlich, dass es damals einfach zum guten Ton gehörte, wenn man es sich leisten konnte, seiner Tochter eine derartige Ausbildung angedeihen zu lassen, damit sie eine „tüchtige Hausfrau“ werde. 

Leider hatte meine Mutter den Großteil ihres Lebens wenig Zeit, all das Gelernte auszuleben, denn die Arbeit im eigenen Geschäft forderte sie mehr als genug.

Aber manchmal schaffte sie sich Raum, um unsere Küche in ein duftendes Koch- und Backparadies zu verwandeln. Sie war eine Meisterin im kunstvollen Verzieren von Torten, mehrstöckige versteht sich, je höher desto besser! Dieses Talent habe ich nicht geerbt, aber Pfannkuchen backe ich auch ganz gerne und gar nicht mal so schlecht.

Wenn ich Geburtstag hatte wünschte ich mir viele Jahre lang aus unerfindlichen Gründen immer ein und denselben Kuchen, nämlich  „Kalter Hund“. Es war jedes Mal die gleiche intensive Vorfreude und nachdem ich ein Stück davon gegessen hatte, fragte ich mich jedes Mal, was mich „geritten hatte“ mir diesen viel zu süßen und fettigen Kuchen zu wünschen. 

Wenn es Kartoffelpüree gab dann drückte ich dieses mit Vorliebe auf dem Teller platt, so dass ein Großteil des Tellers damit ausgefüllt war und grub mit meiner Gabel Straßen ins Püree. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann ich die Lust an dieser kreativen Esskultur verloren habe. 

Ich erinnere mich an den Nudelsalat mit einem  schweinchenrosafarbenen Dressing, ich denke es bestand hauptsächlich außer Mayonnaise und ein wenig Tomatenmark, in der Kindheit habe ich ihn geliebt und heute würde ich mich schütteln, wenn ich ihn serviert bekäme. 

Was lernen wir daraus: Der Geschmack und die Vorlieben mögen sich im Laufe des Lebens verändern, aber die kleinen Glücksmomente bleiben in unseren Erinnerungen immer abrufbar. 

10 Gedanken zu „Kochbuch der Erinnerungen

  1. Schöne Erinnerungen sind das Beate, vor allem geschmackliche 🙂
    Auch ich habe vieles in Erinnerung behalten und bereite es heut selbst zu. Wir mussten ja noch Samstag in die Schule gehen und mittags gab es meist entweder Kartoffelsuppe oder Spagetti. Der Käse wurde selbst gerieben und Wurstreste dazu gebraten.
    Spinat mochte ich nicht, heut esse ich ihn gern. Auch Grützewurst mit Sauerkraut fanden wir nicht gut, heut hat sich unser Appetit verändert.
    Der Teller gefällt mir 🙂
    Liebe Grüße von Kerstin.

  2. Du erzählst von so schönen Erinnerungen, da haben wir einiges gemeinsam.
    Auch meine Mutter war als junge Frau zum „Küche lernen“, das war damals wohl üblich, aber ich weiß gar nicht, wo sie da war. Auf jeden Fall konnte sie auch gut kochen, weitaus besser als ich.
    Wenn ich an meine Lieblingsspeisen denke, dann fällt mir sofort Sauerkraut mit Kartoffelpürree ein, selbstgemachter Rotkohl, Salat mit Sahnesoße und natürlich Reibekuchen….
    Auch ich koche einiges nach aber den Rotkohl und die Salatsoße bekomme ich einfach nicht so hin wie bei Muttern ;-).

    Ein schöner Beitrag, der uns alle zurück in unsere Kindheit führt.

    Bei Deinem Pfannekuchenbild läuft mir heute das Wasser im Mund zusammen, doch als Kind habe ich die Blaubeeren nur pur gegessen und hätte diese niemals im Pfannekuchen gegessen *lach*, heute mache ich es umgekehrt 😉

    Habe gerade in Deinen älteren Beiträgen gelesen, dass Du mit dem Bloggen aufhören willst…..das ist ja wohl nicht Dein Ernst. Ich hatte den Gedanken ja auch des öfteren und Du hast mir immer gut zugeredet. Jetzt rede ich Dir zu…..es gibt nur noch wenige Blogs, wo ich lese (die meisten meiner Lieblingsblogs sind verschwunden), bitte nicht auch noch Du….

    LG Susanne
    P.S. Habe gerade mit Schrecken gemerkt, dass ich immer eine falsche Mailadresse von mir hier angegeben habe. Hab das gerade mal berichtigt

    • Liebe Susanne, lieben Dank für dein gutes Zureden. Nun ja, ich hatte noch keinen entgültigen Entschluss gefasst, habe für mich reflektiert und nachgespürt. Wie du siehst habe ich dann doch wieder zu Schreiben begonnen. Ich kämpfe manchmal mit dem Gefühl „ins Leere“ zu schreiben, weil sehr wenige Kommentare hier ankommen, wieviel Leser es sind weiß ich nicht. Aber weißt du, ich arbeite daran, mich frei zu machen von einer Erwartungshaltung, und nun kommt so ein erfreulicher und mutmachender Kommentar von dir, aber auch über alle anderen Kommentare freue ich mich sehr. Die Motivation zum Bloggen war für mich von Anfang an die Möglichkeit, mich mit Menschen auszutauschen, die ich sonst nie „treffen“ würde.
      Herzliche Grüße zu dir.

  3. Wunderschöne Erinnerungen sind das, liebe Beate,
    eine gelungene Kombination von Gesehenem, vom Duft und Geschmack und den beteiligten Personen. Wie ein ganzer Erinnerungs-Strauß!
    Liebe Grüße
    moni

  4. Lecker sieht es aus und der Teller gefällt mir ganz besonders.
    An meine Mütter musste ich jetzt auch gerade denken. Ich habe Beeren abgetupft und konserviert, Gemüse geputzt, eingekocht… Diese Aufgaben hatte ich im Sommer auch als Kind und Jugendliche. Und wehe, es war nicht gemacht, wenn sie von Arbeit kam. Na ja, gerne war ich damals nicht in der Küche, geholfen hat es aber.
    Liebe Grüße an dich.

  5. Ohh, meine Mutter konnte gar nicht kochen, aber mein Vater und das tat er auch nur sehr selten. Er musste viel arbeiten und nach der Arbeit gingen sie zum Bauern aufs Feld.
    In den Sommerferien durfte ich zu meinen Großeltern in Westfalen. Das war herrlich. Keine nervenden Geschwister, alles sauber und das Essen…eine Köstlichkeit. Ganz viele Gerichte meiner Oma koche ich heute selber nach, einfach so…Geschmackserinnerungen und es schmeckt wie früher, bei Oma…in den Ferien ♥ ♥

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