Das Weihnachtswort

Wo ist der Ort an dem die Geschichten geboren werden?

Warten sie etwa bereits an einem geheimen Ort darauf von mir entdeckt zu werden?

Oder tanzen die Buchstaben vielleicht zu einer Melodie die in meinem Herzen erklingt, verbinden sich dabei zu ständig neuen Formationen und bilden auf diese Weise Wörter und Sätze?

Diese und ähnliche Gedanken gingen mir durch den Sinn als ich mit gezücktem Stift vor leeren Blättern saß. Wieder einmal. 

So ging das nun schon seit Wochen. Ich hatte mir für dieses Jahr fest vorgenommen dem vorweihnachtlichen Stress zu entgehen. Es war bereits zur Tradition geworden, dass ich in Familie und Freundeskreis eine selbstverfasste Weihnachtsgeschichte verschenkte. 

Aber jetzt stand ich offensichtlich vor einem Dilemma, es kam mir vor als hätten sich sämtliche Buchstaben klammheimlich aus dem Staub gemacht und eine gähnende Leere in meinem Kopf hinterlassen. 

Und dabei brannte es mir schon unter den Nägeln, ich war hochmotiviert und würde so gerne eine Geschichte zu Papier bringen, die das Herz erwärmt und ein zartes freudiges Glühen auf die Wangen zaubert. 

Aber wie sollte das geschehen, wenn nicht einmal ein einziger  Buchstabe in Sichtweite war?

„Hallo, wo habt ihr euch versteckt? Habe ich euch etwa vergrault?“ rief ich im Geiste verzweifelt in die Leere.

Genau in dem Moment als ich das gedacht hatte, wurde mir bewusst, dass alles völlig anders war.

Von einer Leere im Kopf konnte doch überhaupt nicht die Rede sein, nein im Gegenteil, da schwirrten ständig und unaufhörlich Gedanken hin und her und ein und aus. 

Ein wirres unbändiges Durcheinander von Gedankenfetzen, die  so viel Raum einnahmen, dass kein Platz für eine Geschichte blieb. 

Wie könnte ich die Störenfriede in die Schranken weisen, ihnen Einhalt gebieten? 

Als ich darüber nachsann, konnte ich sie plötzlich wahrnehmen: Winzig kleine Lücken zwischen all dem Gedankengewirr. Sie tauchten blitzartig auf um kurz darauf wieder zu verschwinden, sekundenschnell und sternschnuppengleich.

Oh was für ein wunderbares Wort: „Sternschnuppengleich“.

Es schien mir, als ob dieses Wort vor meinen Augen einen Freudentanz aufführte. 

Das war es, das war die Lösung für mein vermeintliches Problem!

Mit der Entdeckung der Lücken hatte sich in mir eine bisher unerkannte Tür geöffnet.

„Da ist er also, der Zugang zum Land der Geschichten! Wieso ist er mir bisher verborgen geblieben?“ dachte ich bei mir

Doch dann wusste ich es plötzlich, es war völlig klar: Natürlich mussten all meine bisherigen Versuche kläglich scheitern, denn ich hatte übersehen, dass eine Geschichte tatsächlich mit einem einzigen Wort beginnt und es folglich nur darauf ankommt dieses eine Wort zu finden. Eine komplette Geschichte konnte schließlich in einer so winzigen Lücke keinen Platz finden, aber ein kleines Wort allemal!

Es lag doch ganz klar auf der Hand: Hätte ich dieses erste Wort gefunden, dann würde es weitere Worte an sich ziehen, so wie Freunde die sich miteinander verbinden. 

So werde ich nun nach innen lauschen und Ausschau halten nach einem Wort für meine Weihnachtsgeschichte.

Ein Weihnachtswort! Und nun kenne ich den Ort, wo diese Wort nur darauf wartet von mir entdeckt zu werden. Ich schließe also meine Augen, setze mich vor die Tür meines Herzens und bin schon in freudiger Erwartung darauf, welches Wort in der nächsten Lücke aufleuchtet.

Mandarinenduft.

„Mandarinenduft?

Was sollte ich denn damit anfangen?

Das soll mein Weihnachtswort sein?“

Aber halt, schon drängeln sich wieder lauter lästige Gedanken in den Vordergrund und machen sich so breit, so dass kein Platz für eine Lücke bleibt!

Ich wende mich  also wieder nach innen und werde still.

Abendrot, Kindheit, Schneeflocken, Vorfreude, Engel, Plätzchenteller, Kerzenlicht.

Oh das sind aber jetzt viele Worte auf einmal, die sich wie zu einer Kette aneinander gereiht haben und sich in mir mit einem angenehmen Gefühl ausbreiten.

„Alles beginnt mit einem Wort“, denke ich und dann geht es fast wie von selbst. 

Lauter warme wohlige Weihnachtswörter gesellen sich zu den schon aufgereihten und ich kann ihnen bei ihrem Reigen zusehen, wie sie immer wieder ihre Position verändern, sich neu formieren bis die Geschichte schließlich vollendet ist.

Mir wird bewusst, dass nicht ich der Geschichtenschreiber bin sondern vielmehr der Beobachter eines Schauspieles das sich vor meinen geistigen Augen abspielt.

Nun bin ich so gespannt, dass ich nicht länger warten möchte, ich schließe also erneut meine Augen und schon hüpft aus einer Lücke das nächste flauschig seelenschmeichelnde Wort und ich bin ich mittendrin in meiner Weihnachtsgeschichte und brauche sie nur noch aufzuschreiben.

Beate Neufeld, im November 2020

Lange habe ich mich hier nicht zu Wirt gemeldet. Die Pause habe ich für mich gebraucht. Keine Ahnung wer mir hier als Leser noch geblieben ist, aber ich werde wieder öfter schreiben, einfach weil es mir gut tut. Seid mir gegrüßt und startet gut in diese Adventszeit.
Für mich hat sie jedes Jahr auf‘s Neue ihren ganz besonderen Reiz.

12 Gedanken zu „Das Weihnachtswort

  1. Ja, schreibe, liebe Beate, schreibe. Und ich bin auch da und werde lesen. Irgendwie werden wir die Zeit überstehen ( und bestimmt auch nutzen). Ich möchte dich gerne mal wiedersehen.
    Deine Karte ist wirklich schön. Du hast dir so vuel Mühe gemacht. Dafür danke ich dir.
    Herzliche Grüße von der Gudrun.

  2. Schön, wieder etwas von dir zu hören und zu lesen, liebe Beate.
    In dieser Zeit der Ruhe und Stille sollten wir unserem Herzen, unseren Gedanken und dem folgen, was wichtig ist und Freude macht.
    Ein MUSS kann lähmen, aushebeln und davon hatten wir in diesem Jahr doch schon so viel.

    Eine gesegnete Adventszeit, kreativ, lustvoll oder einfach mal nicht.

    Liebe Grüße
    Anna-Lena

      • Ich kenne das von Dir beschriebene Szenario, das Gefühl von mir selbst. Und ich bin gerade dabei, meinen 11. Blogadventskalender zu schreiben, wofür ich (gute) Geschichten brauche und nicht (mehr) so einfach finde.

        • Aha, jetzt habe ich verstanden. Ja auf deinen Adventskalender bin ich gespannt. Ich war mir selber unschlüssig ob ich einen solchen ankündigen soll, aber dann dachte ich mir, ich sehe das dieses Jahr etwas locker und ohne Verpflichtung und schreibe immer wenn es mir Freude macht einen Beotrag.

  3. Hallo Beate,

    ich bin auch noch da und ich freue mich über deine Absicht dich wieder öfter melden zu wollen. Danke für deine Kommentare zu meinen „Unterwegs“-Bildern. Da haben wir die schönen Tage genutzt und sind in der Nähe spazieren gegangen. Ja, der Rhein hat auch seine Schönheiten.

    Hab eine schöne Adventszeit.

    Liebe Grüße
    Harald

  4. Hallo Beate. Also ich bin noch da 🙂
    Manchmal braucht man nur ein Wort – und schon hat man so viel Fantasie, so viele Gedanken, dass alles nur so heraus sprudelt.
    Und manchmal sucht man nach einem Wort und grübelt und grübelt. Es fällt einem nichts ein.
    Ich habe noch gar nicht an Weihnachtspost gedacht, ich habe keine Idee dieses Jahr. Das wird wieder auf den letzten Drücker.
    Liebe Grüße in den 1. Advent von Kerstin.

    • Liebe Kerstin, das freut mich, dass du noch da bist! Weihnachtspost habe ich schon fertig, aber ich habe sie wirklich reduziert in diesem Jahr. Dafür sind die Weihnachtskarten allesamt sehr aufwändig selber gestaltet, mir war danach. Vielleicht folgen jetzt ja nach Lust und Laune noch spontan einige Karten, wer weiß?
      Ich winke dir zu.

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