Baldurs Weg durch die Dunkelheit

Es war in einer Zeit als in der Welt die Angst und mit ihr die Dunkelheit immer mehr zunahm und übermächtig erschien. Kaum ein Mensch konnte die Hoffnung aufrecht erhalten und daran glauben, dass das Licht der Liebe die stärkste Kraft ist und sich alles zum Guten wenden würde.

So kam es, dass selbst Baldur, dessen Eltern diesen Namen ausgewählt hatten, damit ihm niemals der Mut ausgehen solle, vollkommen verzweifelt war. 

Er sah keinen Ausweg mehr. Die Last des Lebens lag wie Blei auf seinen Schultern.

Eines Tages lief er schweren Schrittes seinen Weg nach Hause, als er plötzlich und unvermittelt innehielt. 

Eine dünne Stimme streifte sein Ohr, sie war so zart wie eine Flaumfeder, so dass ihre Worte wie im Windhauch verhallten. Er hob seinen Blick, konnte aber nicht sehen, wer zu ihm gesprochen hatte. 

Noch einmal erklang das zerbrechliche Stimmchen und dieses Mal vernahm er die Worte: „ Hallo Baldur, ich bin Nadja, mein Name bedeutet Hoffnung.“

„Hoffnung?, fragte er zweifelnd, „für mich gibt es keine Hoffnung, die habe ich längst verloren.“

„Aber ich bin hier“, erwiderte Nadja, „ganz nah bei dir, sonst könntest du mich doch nicht hören!“

Baldur winkte ab: „Ach hören, das ist doch kein Beweis, ich glaube nur was ich sehen kann!“

„Aber ich bin nun einmal unsichtbar!“ wandte Nadja ein.

Daraufhin wurde Baldur misstrauisch: „Dann kannst  du nicht die echte Hoffnung sein, du willst mich doch täuschen!“

„Wie kommst du denn auf diese Idee, hast du mich, die Hoffnung denn jemals gesehen?“, fragte ihn Nadja.

Diese Frage machte Baldur dann eine ganze Weile sprachlos. Er dachte sehr lange darüber nach. Tatsächlich konnte er sich ganz schwach an Zeiten seines Lebens erinnern, die mit Hoffnung erfüllt gewesen waren. Und schließlich musste er sich eingestehen, dass diese Hoffnung niemals sichtbar vor seinen Augen gestanden hatte, sondern eine unsichtbare Begleiterin gewesen war. 

„Tut mir Leid, ich habe dir Unrecht getan, ich glaube dir nun, dass du es bist, die Hoffnung, die ich verlor. Aber auch wenn du hier bist, so kann ich dich dennoch nicht spüren. Meine Angst ist übergroß, ich kämpfe Tag um Tag gegen sie an, damit es endlich wieder leichter wird, aber ich habe bald keine Kraft mehr. 

Meine Lage ist aussichtslos. Es scheint mir so, als ob die Dunkelheit alles Licht in ihrem rabenschwarzen Rachen verschlungen hat. Ich irre umher und kann keinen Weg mehr finden, der mich hinaus führt.

Nadja sah ihn sehr lange und voller Mitgefühl an und schließlich sprach sie:

„Baldur, ich kenne deine Angst, ich verrate dir nun ihren Namen, sie heißt Angustia. Höre auf gegen sie zu kämpfen Baldur! 

Wenn du sie ganz nah an dich heran lässt, so nah wie ich dir bin, dann können wir, die Hoffnung und die Angst, uns umarmen.“

Baldur wusste nicht wie ihm geschah. In dem Moment, als ihn die Kraft zu verlassen schien, gab er die Abwehr auf und sah zum ersten Mal seiner Angst ins Gesicht. 

Zu seinem fassungslosen Erstaunen erschien sie ihm gar nicht mehr ganz so riesig wie er sie sich vorgestellt hatte und je näher er sie an sich heran ließ, desto kleiner wurde sie. In dem Moment als sie ganz bei ihm angekommen war umarmten sich Nadja und Angustia. 

Baldur spürte in diesem Augenblick neue Kraft in sich einströmten. Er richtete sich auf, die Schleier um seine Augen lichteten sich wie davon ziehende Nebelschwaden und er konnte sehen, dass in der Umarmung von Hoffnung und Angst ein Licht geboren wurde. 

Es war zwar winzig klein, aber dennoch konnte die Dunkelheit sich in seiner Nähe nicht halten und wurde von ihm erleuchtet. 

Baldur wusste nun, dass dieses Licht der Liebe ihn begleiten würde. 

Hoffnungsvoll setzte er seinen Weg durch die Dunkelheit fort. Das Licht reichte aus, um seinen Weg jeweils für den nächsten Schritt zu erleuchten und das war alles was er brauchte. 

(C) Beate Neufeld

       17.12.2020

8 Gedanken zu „Baldurs Weg durch die Dunkelheit

  1. Liebe Beate.
    Ich drehe ein letztes Mal meine Runde und möchte dir ein friedliches Weihnachtsfest wünschen. Dieses Jahr ist alles anders. Dennoch wünsche ich dir Augenblicke der Freude und Gemeinsamkeit.
    Denken wir an die, die es schlechter haben wie wir. Die allein sind, die krank sind, die keine Hoffnung haben, die niemanden haben, der an sie denkt.
    Liebe Grüße ins eigentlich schönste Fest des Jahres von Kerstin,

  2. Eine bewegende Geschichte, eine die man bestimmt vorlesen kann in bestimmten Situationen.
    Liebe Beate, ich wünsche dir heute einen schönen, gemütlichen vierten Advent mit viel Licht.

  3. Rührend. Und ein Symbol dafür, dass es immer wieder ein Lichtlein gibt in einer ausweglosen Situation.
    Liebe Beate, vielen Dank für deine Weihnachtspost. Die Karte ist so schön, ich hebe immer alle auf. Und dann noch eine ebenso schöne kleine Geschichte mit der Weihnachtskerze.
    Hab einen schönen 4. Advent morgen!
    Liebe Grüße von Kerstin.

  4. Hallo Bea,

    schön geschrieben liebe Bea. Hast du schon einmal daran gedacht deine Geschichten zu einem Buch zusammenzufassen?

    Ich möchte mich auch ganz herzlich für deine liebe Karte bedanken. Wenn du damit einverstanden bist, würde ich sie gerne als Vorlage für meine Weichnachtskarten nehmen.

    Liebe Grüße
    Harald

    Liebe Grüße
    Harald

    • Danke dir lieber Harald. Die Geschichten zu einem Buch binden lassen kostet sicher nicht unerheblich viel Geld…
      Sowas lohnt sich immer erst bei sehr hoher Stückzahl, leider.
      Natürlich darfst du die Karte als Vorlage nehmen, ich hatte sie übrigens auch abgeguckt. ,-)

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