Inventur 2020

Heute war es mir danach, das vergangene Jahr hier noch einmal in kurzen zusammenfassenden Rückblenden Revue passieren zu lassen und auf diese Weise noch einmal für mich gründlich Inventur zu machen. Für jeden Monat habe ich mir ein Foto ausgesucht und dazu geschrieben, was mir für den jeweiligen Monat wesentlich erscheint.

JANUAR
Zu Beginn des neuen Jahres war ich voller Tatendrang und mit ganz viel positiver Energie erfüllt. Ich schmiedete neue berufliche Pläne und begann auch sogleich erste Schritte in die Wege zu leiten. (Ich konnte nicht ahnen, dass ich sehr bald jäh ausgebremst würde und mein Vorhaben auf unbestimmte Zeit „im Sande verlaufen“ sollte.)

FEBRUAR
Im Laufe des Monats zeichnete sich immer deutlicher ab, dass sich etwas Unheilvolles zusammen braute. Mitte des Monats besuchte ich noch mit drei Freunden die vorerst letzte kulturelle Veranstaltung. Am Ende des Monats, noch vor dem offiziellen Lockdown, entschlossen wir, die Gruppe von Freunden, die sich regelmäßig zu Spiele-Abenden trafen, ihn dieses Mal ausfallen zu lassen. 

MÄRZ
Wir wurden schon von Beginn des Lockdowns fast konstant über die gesamte Zeit mit ungewöhnlich sonnigem Wetter beschenkt. Das war eine Wohltat für die gestresste Seele, immer wieder in den nahen Feldern in der Natur Kraft tanken zu können. Wenn ich zum Einkauf aus dem Dorf in die Stadt fuhr, schaute ich voller Mitgefühl auf die hohen Wohnblocks und konnte mir wahrscheinlich nicht annähernd ausmalen, wie es den Familien mit Kindern erging, die in der Stadt ohne Garten in der Wohnung festsaßen. Den Stein den mein Foto zeigt fand ich bei einer der täglichen Spaziergänge im Feld und er motivierte mich, meinerseits Mutmachsteine zu bemalen und auszulegen. 

APRIL
Das Bewusstsein dafür, dass wir Gemeinschaftswesen sind, wuchs beständig im Laufe der Herausforderungen die uns allen mehr oder weniger abverlangt wurden. Es gab im Dorf und Umkreis zahlreiche positive Entwicklungen, die zeigten, dass wir lernfähig sind unseren Blick über den Tellerrand hinaus zu weiten. 

MAI
Da der geplante Urlaub ausfiel, unternahmen wir zahlreiche Tagesausflüge. Die Kopfweide auf dem Foto sahen wir in einem landschaftlich reizvollen  Naturschutzgebiet in Hessen. Die Erkenntnis, dass das Gute oft so nah liegt, bestätigte sich für uns immer wieder. Wir fuhren auch nicht jeden Tag weite Strecken, für einen Ausflug bot sich zum Beispiel auch ein fußläufig zu erreichender kleiner Weiher an. Wenn wir dort saßen, waren wir „wie in einer anderen Welt“. 

JUNI
In diesem Jahr habe ich einmal mehr erlebt, wie wichtig und heilsam für mich der kreative Ausdruck ist. Ich habe gelernt, mich selber und meine Bedürfnisse ernst zu nehmen und achtsam und wertschätzend für mich selbst zu sorgen. Mit dieser Selbstfürsorge ist es mir gelungen mein Stresslevel immer wieder zu senken und mich seelisch zumindest vorübergehend im Gleichgewicht zu halten. Es blieb ein stetes Auf- und Ab über das ganze Jahr hinweg.

Juli
Nie werde ich vergessen, wie glücklich ich war, nach so langer Zeit meine Töchter wieder zu sehen. Die Sehnsucht hatte mich fast „erdrückt“. Das Foto entstand bei einem Ausflug mit der älteren Tochter in einer Straußenfarm.

AUGUST
Ich habe in diesem Jahr die Erfahrung gemacht, dass es gerade in herausfordernden Zeiten umso wichtiger ist, den Blick zu weiten für die Lichtblicke und Hoffnungszeichen. Ich fand sie erstaunlicherweise immer wieder, immer öfter, je mehr ich mich darauf fokussierte. 

SEPTEMBER
In diesem Jahr wurde ich sozusagen gezwungen „seelische Inventur“ zu machen. Ich durfte, wenn es auch anstrengend und schmerzhaft war, einen Teil meiner Vergangenheit aufarbeiten. So kam es auch, dass ich auch im Äußeren bewusst Wege wählte, die ich schon lange nicht mehr gegangen war. Das Foto zeigt einen Ort in unseren Feldern, wo ich Jahre zuvor mit meiner geliebten verstorbenen Hündin oft unterwegs gewesen bin.

OKTOBER
Auch der Oktober bot noch viele Tage um  Sonnenstrahlen zu sammeln. 
Ich erinnere mich noch gerne an unsere letzte Tagestour an Rhein und Mosel. Wir haben im Laufe  des Jahres hin und wieder unsere Campingstühle und einen kleinen Imbiss sowie gefüllte Kaffee-Thermos-Becher eingepackt und uns irgendwo am Wasser einen schönen Platz zum „Seele-Baumeln-Lassen“ gesucht. 

November
Besonders schöne Stimmungen in der Natur färben auch auf die eigene Stimmungslage des Gemütes ab. Ich habe mich in diesem Jahr häufig an den Satz erinnert, den ich einmal in einem Seminar gehört hatte: „Wenn nichts mehr geht, dann geh!“ Oh ja, ich bin sehr oft gegangen in diesem Jahr!

DEZEMBER
Mein schönstes Weihnachtsgeschenk war das gemeinsame Fest in der Familie mit beiden Töchtern. Das Foto zeigt den Ausblick bei unserer kleinen Waldwanderung am ersten Weihnachtstag. 
Ein weiterer und abschließender Lichtblick war das Streamingkonzert von „Mrs. Greenbird“. Diese beiden lieben Menschen, die Musik mit und aus dem Herzen machen, sind einfach ein Geschenk für mich.

Gute Laune-Backen

Gibt es eigentlich so etwas wie ein Neujahrs-Loch? Wenn ja dann war es das, was mich gestern verschluckt hatte und aus dem ich mich zum Glück abends wieder „herauswurschteln“ konnte. Deshalb beschloss ich heute, als mir der Tag zur Begrüßung ein eher graues Gesicht zeigte, mir die Stimmung auf eigene Faust zu erhellen.

Eigentlich wollte eine Freundin am Nachmittag zu Besuch kommen. Als sie absagte, dachte ich mir: „Die Torte backst du jetzt trotzdem, ein Teil davon lässt sich gut einfrieren und warum sollen wir nicht auch alleine den Beginn des neuen Jahres feiern?“
Gesagt, getan. Ich registrierte erfreut, dass ich während der Zubereitung beschwingt vor mich hin summte.
Der positive Elan reichte auch noch für ein selber gebackenes Brot. „So geht das“, dachte ich. „Gute Laune lässt sich backen! Das werde ich mir merken!“ 😉

In diesen Tagen ist „Das Gute Neue Jahr“ in aller Munde. Hoffnungsvoll oder bangend wird es gewünscht oder herbeigesehnt. Nicht selten heißt es: „Mal abwarten was das neue Jahr für uns bereit hält und hoffentlich wird es besser als das alte Jahr!“
Es scheint so, als ob das neue Jahr schon irgendwo fix und fertig „auf Halde liegt“ und nun auf die Lieferung gewartet wird.
Na hoffen wir mal, dass das Überraschungspacket keine faulen Eier enthält oder sich beim Auspacken herausstellt, dass ein Teil der Ladung schon zu Bruch gegangen ist!
Ich hörte zu und dachte bei mir: „Ne so wird das nix, wenn wir nicht kapieren, dass das neue Jahr nicht im Fertig-Bausatz geliefert wird sondern dass es nur in Eigenproduktion zu haben ist!

Das gute neue Jahr 
kommt nicht 
einfach so,
wenn wir 
zaghaft bangend
oder
zuversichtlich hoffend
darauf warten.

Das neue Jahr 
wird nur 
so gut,
wie wir 
liebevoll achtsam
und
entschlossen tatkräftig 
es werden lassen.

(c) Beate Neufeld
03.01.2021

Danke, liebes altes Jahr

Heute, am vorletzten Tag dieses Jahres, nehme ich mir Zeit zur Rückschau.
Ein Wort habe ich gesucht, mit dem ich meine abschließende Empfindung bezüglich dieses Lebensabschnittes beschreiben kann.
Das Wort lautet: Dankbarkeit.
Es war nicht nur für mich ein Jahr mit ganz besonderen Herausforderungen.
Ein sehr bewegtes Jahr, wie eine Wanderung bei der sich Höhen und Tiefen ständig abwechselten.
Ich durfte neues lernen über mich und über das Leben im Allgemeinen.
Zutiefst dankbar bin ich für Vieles.
Ich bin dankbar für die Liebe und Zuwendung der Menschen, die mir nahestehen und dass wir alle gesund durch das Jahr gekommen sind.
Ich bin dankbar für das wunderbare Frühlingswetter, was die Zeit des ersten Lockdowns so sehr erleichtert hat.
Ich bin dankbar für unseren Wohnort, der mir die Möglichkeit bietet, mich in der Natur zu bewegen und dabei immer wieder neue Kraft zu tanken.
Ich bin dankbar, dass ich im August gemeinsam mit einer Freundin ein kleines Konzert im Freien mit zweien meiner Lieblingsmusikern erleben durfte.
Ich bin dankbar für die zahlreichen wunderbaren Musikerlebnisse per Stream, ein Fest für die Seele.
Ich bin dankbar, auch wenn meine Arbeit im Bereich Stressprävention brach lag und 21 Termine abgesagt werden mussten, denn es blieb dennoch ein Abend im September, den ich mit einer Freundin zusammen gestalte habe und der wurde zu einem ganz besonderen Erlebnis für meine Freundin und mich und für die 5 Menschen die gekommen waren.
Ich bin dankbar, dass ich die Zeit zum kreativen Ausdruck nutzen konnte, ich glaube ich war noch nie so kreativ wie in diesem Jahr.
Noch so Einiges könnte ich aufzählen, für das ich dankbar bin, aber das führt hier zu weit.
Ich gehe mit Zuversicht in das neue Jahr und wünsche euch allen ein liebevolles neues Jahr.

Blick von der Michaelskapelle auf Deidesheim in der weihnachtlichen Nachtmittags-Sonne.

Siehst du das Licht?
Du sagst, du siehst es nicht.
Verändere deine Sicht!
Du wirst es nur mit Augen sehen die nach innen blicken.

Siehst du das Licht?
Du sagst, du siehst es nicht.
Weite deinen Blick!
Du wirst es nur mit Augen sehen die sich über den Horizont erheben.

(c) Beate Neufeld

Weihnachtswunsch

Weihnachtswunsch

Die Wünsche 
sind in diesen Tagen sind 
nicht selten von ganz anderer Art, 
als in den Jahren zuvor.
Wer wünschte sich schon mit seinen Freunden
über den Weihnachtsmarkt spazieren zu können
oder einen spontanen Kurzbesuch bei den Nachbar,
um ihnen ein kleines Geschenk zum Fest zu überreichen?
Wer trug den Wunsch im Herzen
einem Bekannten, den er auf der Straße trifft,
zur Begrüßung die Hände schütteln zu dürfen
oder ein Konzert zu besuchen
und dabei sein Lieblingslied laut mitzusingen?

Die Wünsche 
in dieser Zeit
weisen uns den Weg in unsere eigene Mitte,
unser Herz weiß, was wirklich zählt.
Ich wünsche mir für dich und mich,
dass wir zu unserer wahren Natur erwachen 
und unsere tiefsten Träume
zum Leben erwecken.
In mir wächst der Wunsch, 
dass wir alle gemeinsam 
die Chance ergreifen,
um unsere Erde zu einem 
besseren Ort zu machen.

(C) Beate Neufeld
24.12.2020

Möge euer Weihnachtsfest mit Freude und Liebe erfüllt sein.

Baldurs Weg durch die Dunkelheit

Es war in einer Zeit als in der Welt die Angst und mit ihr die Dunkelheit immer mehr zunahm und übermächtig erschien. Kaum ein Mensch konnte die Hoffnung aufrecht erhalten und daran glauben, dass das Licht der Liebe die stärkste Kraft ist und sich alles zum Guten wenden würde.

So kam es, dass selbst Baldur, dessen Eltern diesen Namen ausgewählt hatten, damit ihm niemals der Mut ausgehen solle, vollkommen verzweifelt war. 

Er sah keinen Ausweg mehr. Die Last des Lebens lag wie Blei auf seinen Schultern.

Eines Tages lief er schweren Schrittes seinen Weg nach Hause, als er plötzlich und unvermittelt innehielt. 

Eine dünne Stimme streifte sein Ohr, sie war so zart wie eine Flaumfeder, so dass ihre Worte wie im Windhauch verhallten. Er hob seinen Blick, konnte aber nicht sehen, wer zu ihm gesprochen hatte. 

Noch einmal erklang das zerbrechliche Stimmchen und dieses Mal vernahm er die Worte: „ Hallo Baldur, ich bin Nadja, mein Name bedeutet Hoffnung.“

„Hoffnung?, fragte er zweifelnd, „für mich gibt es keine Hoffnung, die habe ich längst verloren.“

„Aber ich bin hier“, erwiderte Nadja, „ganz nah bei dir, sonst könntest du mich doch nicht hören!“

Baldur winkte ab: „Ach hören, das ist doch kein Beweis, ich glaube nur was ich sehen kann!“

„Aber ich bin nun einmal unsichtbar!“ wandte Nadja ein.

Daraufhin wurde Baldur misstrauisch: „Dann kannst  du nicht die echte Hoffnung sein, du willst mich doch täuschen!“

„Wie kommst du denn auf diese Idee, hast du mich, die Hoffnung denn jemals gesehen?“, fragte ihn Nadja.

Diese Frage machte Baldur dann eine ganze Weile sprachlos. Er dachte sehr lange darüber nach. Tatsächlich konnte er sich ganz schwach an Zeiten seines Lebens erinnern, die mit Hoffnung erfüllt gewesen waren. Und schließlich musste er sich eingestehen, dass diese Hoffnung niemals sichtbar vor seinen Augen gestanden hatte, sondern eine unsichtbare Begleiterin gewesen war. 

„Tut mir Leid, ich habe dir Unrecht getan, ich glaube dir nun, dass du es bist, die Hoffnung, die ich verlor. Aber auch wenn du hier bist, so kann ich dich dennoch nicht spüren. Meine Angst ist übergroß, ich kämpfe Tag um Tag gegen sie an, damit es endlich wieder leichter wird, aber ich habe bald keine Kraft mehr. 

Meine Lage ist aussichtslos. Es scheint mir so, als ob die Dunkelheit alles Licht in ihrem rabenschwarzen Rachen verschlungen hat. Ich irre umher und kann keinen Weg mehr finden, der mich hinaus führt.

Nadja sah ihn sehr lange und voller Mitgefühl an und schließlich sprach sie:

„Baldur, ich kenne deine Angst, ich verrate dir nun ihren Namen, sie heißt Angustia. Höre auf gegen sie zu kämpfen Baldur! 

Wenn du sie ganz nah an dich heran lässt, so nah wie ich dir bin, dann können wir, die Hoffnung und die Angst, uns umarmen.“

Baldur wusste nicht wie ihm geschah. In dem Moment, als ihn die Kraft zu verlassen schien, gab er die Abwehr auf und sah zum ersten Mal seiner Angst ins Gesicht. 

Zu seinem fassungslosen Erstaunen erschien sie ihm gar nicht mehr ganz so riesig wie er sie sich vorgestellt hatte und je näher er sie an sich heran ließ, desto kleiner wurde sie. In dem Moment als sie ganz bei ihm angekommen war umarmten sich Nadja und Angustia. 

Baldur spürte in diesem Augenblick neue Kraft in sich einströmten. Er richtete sich auf, die Schleier um seine Augen lichteten sich wie davon ziehende Nebelschwaden und er konnte sehen, dass in der Umarmung von Hoffnung und Angst ein Licht geboren wurde. 

Es war zwar winzig klein, aber dennoch konnte die Dunkelheit sich in seiner Nähe nicht halten und wurde von ihm erleuchtet. 

Baldur wusste nun, dass dieses Licht der Liebe ihn begleiten würde. 

Hoffnungsvoll setzte er seinen Weg durch die Dunkelheit fort. Das Licht reichte aus, um seinen Weg jeweils für den nächsten Schritt zu erleuchten und das war alles was er brauchte. 

(C) Beate Neufeld

       17.12.2020

Lichtblicke

Heute war endlich mal wieder ein Tag, an dem die Sonne sich richtig lange hinter den Wolken hervor getraut hat. Herrlich war das, im Sonnenschein durch die Felder zu laufen. Das hebt die Stimmung und gibt neuen Schwung.

Mir ist besonders die strahlende Farbe des Mooses oder der Flechten? auf dem Birkenstamm aufgefallen, fast wie Neonfarben. Die beiden nächsten Fotos sind noch von letzter Woche.

Heute hat mir aber nicht nur die Sonne Freude bereitet, sondern auch eine doppelt schöne Entdeckung im Dorf. Es gibt sie noch, die Zeichen der Menschenfreundlichkeit!

Es gibt also tatsächlich jetzt auch bei uns in unserem kleinen Dorf ein öffentliches Bücherregal zum Tauschen oder sich Beschenken lassen. Das hatte ich mir schon lange gewünscht: Voila, da steht es und ich werde gerne auch hin und wieder Bücher hineinstellen und mir gegebenenfalls eines mitnehmen. Ich finde das total klasse, denn nicht jedes Buch, dass ich gelesen habe möchte ich behalten. Natürlich schmeiße ich Bücher nicht einfach weg, ich habe sie zum Beispiel für den Flohmarkt zum Erlös für den Tierschutz gespendet oder über die Facebook Seite unserer Verbandsgemeinde, in der Dinge kostenlos abgegeben werden, verschenkt. Ich finde es total schön, dass jetzt dieses Regal da steht, so eine Einrichtung bringt eine liebevolle Atmosphäre in das Dorf!
Als ich näher kam, sah ich dann den zweiten Grund zur Freude.

So eine schöne Idee!
Solche Aktionen machen Mut und geben Kraft. Es geht nur, wenn wir aufeinander zugehen, wenn wir Solidarität entwickeln, soziale Intelligenz ist mehr denn je gefragt!
Also dann, lasst es euch gut gehen, ich bin dann mal weg, ich habe ein Projekt, dem ich mich widme.

Der fliegende Nikolaus

Herr Gutenbüchel war in der ganzen Siedlung in der er wohnte bekannt wie ein bunter Hund. Während die Erwachsenen ihn eher mit einer Mischung aus zurückhaltender Skepsis und einem verständnislosem Kopfschütteln betrachteten, sorgte seine lustige, unkonventionelle, kreative und überaus freundliche Art dafür, dass er bei uns Kindern einen dicken „Stein im Brett“ hatte. Er nutzte jede Gelegenheit um uns zu überraschen und ein Lachen auf unser Gesicht zu zaubern.
Seine Spezialität waren selbst gefaltete Papierflugzeuge, die er zu unserer Freude oft überraschend von seinem Balkon zu uns herunter fliegen ließ, wenn wir an seinem Haus vorüber liefen.
Im Laufe seines Lebens hatte er seine Faltkünste derart perfektioniert, dass uns Kindern nicht selten der Mund vor Staunen offen stehen blieb, wenn wir die außerordentlichen Flugbahnen beobachteten.
Durch sein Vorbild angespornt übten wir uns im Nacheifern, aber keines der von uns selbst gefalteten Flugzeuge flog auch nur annähernd so weit oder so hoch.
An diesen ganz besonderen Nikolaustag von dem ich euch erzählen möchte, erinnere mich noch als ob es erst im Advent des vergangenen Jahres gewesen wäre, dabei ist das Erlebnis gut und gerne 50 Jahre her. 
Zur Mittagszeit hatten wir Kinder, kaum aus der Schule zurückgekehrt, unseren Ranzen geschwind in die Ecke gefeuert, denn wie üblich hatte uns der Lehrer zur Feier des Tages die Hausaufgaben erlassen. Nach dem Mittagessen trafen wir uns zum Spiel draußen im Hof hinter den Wohnblocks. 
An diesem Tag waren wir wie in jedem Jahr von kribbeliger Vorfreude erfüllt, denn es war Tradition, dass bis zum frühen Abend der Nikolaus seine Geschenke verteilte. Wir durften nicht eher nach Hause, bis dass wir von der Mutter gerufen wurden. 
Dann verlief alles nach einem lieb gewonnenen Ritual: Kaum dass ich die Wohnungstür geöffnet hatte, stürzte ich in mein Kinderzimmer, dort stand dann jeweils eine bunte Tüte gefüllt mit Mandarinen, Lebkuchen und einem Schokoladennikolaus. Dazu gab es ein kleines Geschenk, sozusagen als Vorgeschmack auf Weihnachten. Kennt ihr diese kleinen Bilderbücher, es waren eher Heftchen mit jeweils nur einer Geschichte darin? Ich habe sie sehr gemocht und war glücklich eines davon zu erhalten.
Aber nun zurück zu unserem Erlebnis an diesem ganz besonderen Nikolaustag:
Wir Fünf vom Hinterhof, eine eingeschworene Freundestruppe, machten uns nachdem wir eine Weile Fußball gespielt hatten auf den Weg durch das Dorf. Wir wollten mal ordentlich die Augen aufmachen und schauen, ob wir nicht doch irgendwo einen Blick auf den Nikolaus  erhaschen konnten. Irgendwo musste er ja zu sehen sein auf seinem Weg zu den Häusern wo er die Geschenke verteilte.
Gerade als wir durch die Schustergasse an dem Haus in dem Herr Gutenbüschel wohnte vorbei liefen, trauten wir unseren Augen nicht, denn plötzlich wie aus heiterem Himmel erblickten wir erst ein, zwei, drei dann immer mehr Fallschirmchen, die in elegantem Schwebeflug über unseren Köpfen zu Boden glitten. Aber was für eine Überraschung: Als wir den ersten in unserer Hand hielten, sahen wir , dass ein winziger Nikolaus, aus einem Korken gebastelt, sich an dem Fallschirm aus Papiertaschentuch festhielt. 
Herr Gutenbüschel hatte ganze Arbeit geleistet und uns mit einer Horde von Nikoläusen sozusagen überschüttet. Mit einem breiten und überaus zufriedenem Grinsen auf dem Gesicht strahlte er uns spitzbübisch an. 
Wir hüpften vor Freude und winkten ihm dankbar zu.

(C) Beate Neufeld , inspiriert von einer Kindheitserinnerung einer Freundin und frei erfunden ausgeschmückt und weitergesponnen

Rituale im Advent

Hab ich schon mal darüber geschrieben, dass ich Rituale sehr mag? Ach ja, ich erinnere mich an das Ritual zur Sommersonnenwende, darüber hatte ich euch schon erzählt. Aber heute Abend, also bald werde ich ein feierliches Adventsritual machen. Angeregt dazu wurde ich heute von Pater Anselm Grün, den ich sehr schätze und der neuerdings auch auf Instagram zu finden ist. Er schreibt über die Bedeutung, die man mit den Adventskerzen verknüpfen kann und heute schreibt er unter anderem über das Oratorium von Georg Friedrich Händel: „ Der Messias“. Den Anfang werde ich mir heute Abend anhören und zwei Kerzen am Adventskranz entzünden und in meinen Weihnachtsbüchern und Heften mit Gedichten, Märchen und Gedichten stöbern.

Aber zuvor pflege ich heute ein Ritual anderer Art: Ich habe mir einen Cappuccino gemacht und dazu gibt es Gewürzspekulatius. Ich tauche sie bevor ich davon abbeiße kurz in den Kaffee und denke an meinen Vater. Ich sehe es noch ganz genau vor mir, wie er in der Adventszeit genau auf diese Art seinen Nachmittagskaffe genossen hat, nur mit einem Unterschied, er trank den Kaffee nicht mit aufgeschäumter Hafermilch, so wie ich es tue.
Einen frohes Adventswochenende wünsche ich euch.

Tiefer Blicken

Weißt du, ich könnte
so im Vorbeilaufen
zu mir selber sagen:
„Das ist doch einfach nur ein Sonnenstrahl,
da scheint halt die Sonne in den Baum.“
Ich kann aber auch stehen bleiben
und tiefer blicken und mir sagen:
„Danke, du bist ein Geschenk,
ein Stern der vom Himmel gefallen ist,
nur für mich in diesem Augenblick!“

Weißt du, ich könnte
so im Vorbeilaufen
zu mir selber sagen:
„Das ist doch einfach nur ein Blatt,
da ist halt der Tau dran festgefroren.“
Ich kann aber auch stehen bleiben
und tiefer blicken und mir sagen:
„Danke, du bist ein Geschenk,
eine Blume die der Winter 
auf das Blatt gezaubert hat,
nur für mich in diesem Augenblick!“

(C) Beate Neufeld im Dezember 2020

Plätzchenduft

Kennt ihr Salzteig, den man zum Basteln anstelle von fertig gekaufter Modelliermasse verwendet? Dumme Frage, denkt ihr jetzt sicher, wer kennt den nicht? Aber wisst ihr auch wer ihn erfunden hat? Ja, jetzt hab ich euch. Da müsst ihr passen, hab ich Recht?
Aber ich kann eure Wissenslücke schließen, ja da staunt ihr nicht schlecht, oder?
Ich habe den Salzteig nämlich selbst erfunden, im Alter von etwa 6 Jahren, jawoll!
Und das ganz zufällig und absichtslos. 
Nun wollt ihr sicher wissen, wie das geschehen konnte? Ich will es euch erzählen.

Schon von klein auf habe ich meiner Mutter, die ausgezeichnet gerne und gut kochen und backen konnte, mit Vorliebe zugeschaut wie sie in unserer Küche herumwirbelte und auf wundersame Weise die leckersten Köstlichkeiten zauberte. 
In der Weihnachtszeit zog mich der Duft von frisch gebackenen Plätzchen wie magisch an und weil ich mit großer Aufmerksamkeit bei der Sache war, dauert es gar nicht lange, bis ich erkannte, dass das Ganze gar keine Hexerei war. Eigentlich war es ein Kinderspiel den Teig für die Plätzchen herzustellen, wenn man nur wusste, welche Zutaten benötigt wurden. Und so kam der Tag an dem ich mir meiner Fähigkeit die Plätzchen alleine auf das Blech zu bringen vollkommen sicher war. Nur vor der Betätigung des Backofens hatte ich Respekt. Da ich mir genauso sicher war, dass eine voreilige Frage mein Backvergnügen gefährden würde, beschloss ich im Alleingang die ersten Schritte zu bewältigen und wenn die Plätzchen fertig zum Backen auf den Blechen lägen, würde meine Mutter sich, da war ich mir sicher, vor lauter Staunen nicht erwehren können das Gebäck zur Vollendung in den Ofen zu schieben. 

Meine kindliche Diplomatie ließ mich nicht im Stich, mein Plan ging auf und die Plätzchen lagen schließlich perfekt, wie gemalt zum Auskühlen auf dem Rost.
Mit stolz geschwellter Brust betrachtete ich mein Werk und konnte es kaum erwarten, davon zu kosten.
Aber oh weh, das dicke Ende folgte auf dem Fuß. Der erste Biss katapultierte mich innerhalb vom Bruchteil einer Sekunde auf den Boden der Tatsachen: Was ich da fabriziert hatte, konnte zwar dem Augenschein nach mit der Backkunst meiner Mutter durchaus konkurrieren, aber es schmeckte einfach scheußlich: Steinhart und nur nach Salz, sonst nichts! Das Allerschlimmste aber war die Reaktion meiner Mutter, der nachdem sie probiert hatte bewusst wurde, dass ich ihre mütterliche Autorität, wenn auch mit entwaffnendem kindlichen Charme, untergraben hatte.
Daher folgte die pädagogische Konsequenz unmittelbar und hing nach meinem Empfinden für nicht enden wollende Stunden wie ein Damoklesschwert über meinem Kopf: 
Die Plätzchen sollten nach dem Beschluss meiner Mutter nämlich keineswegs im Müll landen sondern von mir gegessen werden.

Ich sehe mich heute noch zusammengesunken und jämmerlich vor der Heizung sitzen, über der auf dem Fensterbrett die Plätzchen aufgereiht lagen. Ich zählte sie im Geiste wieder und wieder, aber es wollten einfach nicht weniger werden! Verzweifelt biss ich erneut in das erste Plätzchen, aber der Geschmack hatte sich nicht verändert. 
Was hätte ich jetzt um die Hilfe einer guten Fee gegeben, die den Fluch den mein Irrtum  mir eingebracht hatte, aufheben – und das Salz aus den Plätzchen mit Zucker ersetzen würde.
Aber nichts dergleichen geschah. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit erlöste mich meine Mutter, nachdem sie mir das Versprechen abgenommen hatte, mich nie mehr ohne sie davon zuvor in Kenntnis gesetzt zu haben auf eigene Faust in der Küche zu betätigen. 

Erst viele Jahre später wurde das Werkeln mit Salzteig zum Trend. Ich erinnere mich noch an Adventskränze aus Salzteig, die kunstvoll mit Blüten und Blättern verziert waren. 
Insgeheim ärgerte ich mich fast ein wenig, dass ich, obwohl ich die eigentliche Erfinderin dieses Teiges bin, diese Innovation nicht erkannt hatte.

(C) Beate Neufeld
Ein Erlebnis aus meiner Kindheit