Baldurs Weg durch die Dunkelheit

Es war in einer Zeit als in der Welt die Angst und mit ihr die Dunkelheit immer mehr zunahm und übermächtig erschien. Kaum ein Mensch konnte die Hoffnung aufrecht erhalten und daran glauben, dass das Licht der Liebe die stärkste Kraft ist und sich alles zum Guten wenden würde.

So kam es, dass selbst Baldur, dessen Eltern diesen Namen ausgewählt hatten, damit ihm niemals der Mut ausgehen solle, vollkommen verzweifelt war. 

Er sah keinen Ausweg mehr. Die Last des Lebens lag wie Blei auf seinen Schultern.

Eines Tages lief er schweren Schrittes seinen Weg nach Hause, als er plötzlich und unvermittelt innehielt. 

Eine dünne Stimme streifte sein Ohr, sie war so zart wie eine Flaumfeder, so dass ihre Worte wie im Windhauch verhallten. Er hob seinen Blick, konnte aber nicht sehen, wer zu ihm gesprochen hatte. 

Noch einmal erklang das zerbrechliche Stimmchen und dieses Mal vernahm er die Worte: „ Hallo Baldur, ich bin Nadja, mein Name bedeutet Hoffnung.“

„Hoffnung?, fragte er zweifelnd, „für mich gibt es keine Hoffnung, die habe ich längst verloren.“

„Aber ich bin hier“, erwiderte Nadja, „ganz nah bei dir, sonst könntest du mich doch nicht hören!“

Baldur winkte ab: „Ach hören, das ist doch kein Beweis, ich glaube nur was ich sehen kann!“

„Aber ich bin nun einmal unsichtbar!“ wandte Nadja ein.

Daraufhin wurde Baldur misstrauisch: „Dann kannst  du nicht die echte Hoffnung sein, du willst mich doch täuschen!“

„Wie kommst du denn auf diese Idee, hast du mich, die Hoffnung denn jemals gesehen?“, fragte ihn Nadja.

Diese Frage machte Baldur dann eine ganze Weile sprachlos. Er dachte sehr lange darüber nach. Tatsächlich konnte er sich ganz schwach an Zeiten seines Lebens erinnern, die mit Hoffnung erfüllt gewesen waren. Und schließlich musste er sich eingestehen, dass diese Hoffnung niemals sichtbar vor seinen Augen gestanden hatte, sondern eine unsichtbare Begleiterin gewesen war. 

„Tut mir Leid, ich habe dir Unrecht getan, ich glaube dir nun, dass du es bist, die Hoffnung, die ich verlor. Aber auch wenn du hier bist, so kann ich dich dennoch nicht spüren. Meine Angst ist übergroß, ich kämpfe Tag um Tag gegen sie an, damit es endlich wieder leichter wird, aber ich habe bald keine Kraft mehr. 

Meine Lage ist aussichtslos. Es scheint mir so, als ob die Dunkelheit alles Licht in ihrem rabenschwarzen Rachen verschlungen hat. Ich irre umher und kann keinen Weg mehr finden, der mich hinaus führt.

Nadja sah ihn sehr lange und voller Mitgefühl an und schließlich sprach sie:

„Baldur, ich kenne deine Angst, ich verrate dir nun ihren Namen, sie heißt Angustia. Höre auf gegen sie zu kämpfen Baldur! 

Wenn du sie ganz nah an dich heran lässt, so nah wie ich dir bin, dann können wir, die Hoffnung und die Angst, uns umarmen.“

Baldur wusste nicht wie ihm geschah. In dem Moment, als ihn die Kraft zu verlassen schien, gab er die Abwehr auf und sah zum ersten Mal seiner Angst ins Gesicht. 

Zu seinem fassungslosen Erstaunen erschien sie ihm gar nicht mehr ganz so riesig wie er sie sich vorgestellt hatte und je näher er sie an sich heran ließ, desto kleiner wurde sie. In dem Moment als sie ganz bei ihm angekommen war umarmten sich Nadja und Angustia. 

Baldur spürte in diesem Augenblick neue Kraft in sich einströmten. Er richtete sich auf, die Schleier um seine Augen lichteten sich wie davon ziehende Nebelschwaden und er konnte sehen, dass in der Umarmung von Hoffnung und Angst ein Licht geboren wurde. 

Es war zwar winzig klein, aber dennoch konnte die Dunkelheit sich in seiner Nähe nicht halten und wurde von ihm erleuchtet. 

Baldur wusste nun, dass dieses Licht der Liebe ihn begleiten würde. 

Hoffnungsvoll setzte er seinen Weg durch die Dunkelheit fort. Das Licht reichte aus, um seinen Weg jeweils für den nächsten Schritt zu erleuchten und das war alles was er brauchte. 

(C) Beate Neufeld

       17.12.2020

Der fliegende Nikolaus

Herr Gutenbüchel war in der ganzen Siedlung in der er wohnte bekannt wie ein bunter Hund. Während die Erwachsenen ihn eher mit einer Mischung aus zurückhaltender Skepsis und einem verständnislosem Kopfschütteln betrachteten, sorgte seine lustige, unkonventionelle, kreative und überaus freundliche Art dafür, dass er bei uns Kindern einen dicken „Stein im Brett“ hatte. Er nutzte jede Gelegenheit um uns zu überraschen und ein Lachen auf unser Gesicht zu zaubern.
Seine Spezialität waren selbst gefaltete Papierflugzeuge, die er zu unserer Freude oft überraschend von seinem Balkon zu uns herunter fliegen ließ, wenn wir an seinem Haus vorüber liefen.
Im Laufe seines Lebens hatte er seine Faltkünste derart perfektioniert, dass uns Kindern nicht selten der Mund vor Staunen offen stehen blieb, wenn wir die außerordentlichen Flugbahnen beobachteten.
Durch sein Vorbild angespornt übten wir uns im Nacheifern, aber keines der von uns selbst gefalteten Flugzeuge flog auch nur annähernd so weit oder so hoch.
An diesen ganz besonderen Nikolaustag von dem ich euch erzählen möchte, erinnere mich noch als ob es erst im Advent des vergangenen Jahres gewesen wäre, dabei ist das Erlebnis gut und gerne 50 Jahre her. 
Zur Mittagszeit hatten wir Kinder, kaum aus der Schule zurückgekehrt, unseren Ranzen geschwind in die Ecke gefeuert, denn wie üblich hatte uns der Lehrer zur Feier des Tages die Hausaufgaben erlassen. Nach dem Mittagessen trafen wir uns zum Spiel draußen im Hof hinter den Wohnblocks. 
An diesem Tag waren wir wie in jedem Jahr von kribbeliger Vorfreude erfüllt, denn es war Tradition, dass bis zum frühen Abend der Nikolaus seine Geschenke verteilte. Wir durften nicht eher nach Hause, bis dass wir von der Mutter gerufen wurden. 
Dann verlief alles nach einem lieb gewonnenen Ritual: Kaum dass ich die Wohnungstür geöffnet hatte, stürzte ich in mein Kinderzimmer, dort stand dann jeweils eine bunte Tüte gefüllt mit Mandarinen, Lebkuchen und einem Schokoladennikolaus. Dazu gab es ein kleines Geschenk, sozusagen als Vorgeschmack auf Weihnachten. Kennt ihr diese kleinen Bilderbücher, es waren eher Heftchen mit jeweils nur einer Geschichte darin? Ich habe sie sehr gemocht und war glücklich eines davon zu erhalten.
Aber nun zurück zu unserem Erlebnis an diesem ganz besonderen Nikolaustag:
Wir Fünf vom Hinterhof, eine eingeschworene Freundestruppe, machten uns nachdem wir eine Weile Fußball gespielt hatten auf den Weg durch das Dorf. Wir wollten mal ordentlich die Augen aufmachen und schauen, ob wir nicht doch irgendwo einen Blick auf den Nikolaus  erhaschen konnten. Irgendwo musste er ja zu sehen sein auf seinem Weg zu den Häusern wo er die Geschenke verteilte.
Gerade als wir durch die Schustergasse an dem Haus in dem Herr Gutenbüschel wohnte vorbei liefen, trauten wir unseren Augen nicht, denn plötzlich wie aus heiterem Himmel erblickten wir erst ein, zwei, drei dann immer mehr Fallschirmchen, die in elegantem Schwebeflug über unseren Köpfen zu Boden glitten. Aber was für eine Überraschung: Als wir den ersten in unserer Hand hielten, sahen wir , dass ein winziger Nikolaus, aus einem Korken gebastelt, sich an dem Fallschirm aus Papiertaschentuch festhielt. 
Herr Gutenbüschel hatte ganze Arbeit geleistet und uns mit einer Horde von Nikoläusen sozusagen überschüttet. Mit einem breiten und überaus zufriedenem Grinsen auf dem Gesicht strahlte er uns spitzbübisch an. 
Wir hüpften vor Freude und winkten ihm dankbar zu.

(C) Beate Neufeld , inspiriert von einer Kindheitserinnerung einer Freundin und frei erfunden ausgeschmückt und weitergesponnen

Rituale im Advent

Hab ich schon mal darüber geschrieben, dass ich Rituale sehr mag? Ach ja, ich erinnere mich an das Ritual zur Sommersonnenwende, darüber hatte ich euch schon erzählt. Aber heute Abend, also bald werde ich ein feierliches Adventsritual machen. Angeregt dazu wurde ich heute von Pater Anselm Grün, den ich sehr schätze und der neuerdings auch auf Instagram zu finden ist. Er schreibt über die Bedeutung, die man mit den Adventskerzen verknüpfen kann und heute schreibt er unter anderem über das Oratorium von Georg Friedrich Händel: „ Der Messias“. Den Anfang werde ich mir heute Abend anhören und zwei Kerzen am Adventskranz entzünden und in meinen Weihnachtsbüchern und Heften mit Gedichten, Märchen und Gedichten stöbern.

Aber zuvor pflege ich heute ein Ritual anderer Art: Ich habe mir einen Cappuccino gemacht und dazu gibt es Gewürzspekulatius. Ich tauche sie bevor ich davon abbeiße kurz in den Kaffee und denke an meinen Vater. Ich sehe es noch ganz genau vor mir, wie er in der Adventszeit genau auf diese Art seinen Nachmittagskaffe genossen hat, nur mit einem Unterschied, er trank den Kaffee nicht mit aufgeschäumter Hafermilch, so wie ich es tue.
Einen frohes Adventswochenende wünsche ich euch.

Tiefer Blicken

Weißt du, ich könnte
so im Vorbeilaufen
zu mir selber sagen:
„Das ist doch einfach nur ein Sonnenstrahl,
da scheint halt die Sonne in den Baum.“
Ich kann aber auch stehen bleiben
und tiefer blicken und mir sagen:
„Danke, du bist ein Geschenk,
ein Stern der vom Himmel gefallen ist,
nur für mich in diesem Augenblick!“

Weißt du, ich könnte
so im Vorbeilaufen
zu mir selber sagen:
„Das ist doch einfach nur ein Blatt,
da ist halt der Tau dran festgefroren.“
Ich kann aber auch stehen bleiben
und tiefer blicken und mir sagen:
„Danke, du bist ein Geschenk,
eine Blume die der Winter 
auf das Blatt gezaubert hat,
nur für mich in diesem Augenblick!“

(C) Beate Neufeld im Dezember 2020

Plätzchenduft

Kennt ihr Salzteig, den man zum Basteln anstelle von fertig gekaufter Modelliermasse verwendet? Dumme Frage, denkt ihr jetzt sicher, wer kennt den nicht? Aber wisst ihr auch wer ihn erfunden hat? Ja, jetzt hab ich euch. Da müsst ihr passen, hab ich Recht?
Aber ich kann eure Wissenslücke schließen, ja da staunt ihr nicht schlecht, oder?
Ich habe den Salzteig nämlich selbst erfunden, im Alter von etwa 6 Jahren, jawoll!
Und das ganz zufällig und absichtslos. 
Nun wollt ihr sicher wissen, wie das geschehen konnte? Ich will es euch erzählen.

Schon von klein auf habe ich meiner Mutter, die ausgezeichnet gerne und gut kochen und backen konnte, mit Vorliebe zugeschaut wie sie in unserer Küche herumwirbelte und auf wundersame Weise die leckersten Köstlichkeiten zauberte. 
In der Weihnachtszeit zog mich der Duft von frisch gebackenen Plätzchen wie magisch an und weil ich mit großer Aufmerksamkeit bei der Sache war, dauert es gar nicht lange, bis ich erkannte, dass das Ganze gar keine Hexerei war. Eigentlich war es ein Kinderspiel den Teig für die Plätzchen herzustellen, wenn man nur wusste, welche Zutaten benötigt wurden. Und so kam der Tag an dem ich mir meiner Fähigkeit die Plätzchen alleine auf das Blech zu bringen vollkommen sicher war. Nur vor der Betätigung des Backofens hatte ich Respekt. Da ich mir genauso sicher war, dass eine voreilige Frage mein Backvergnügen gefährden würde, beschloss ich im Alleingang die ersten Schritte zu bewältigen und wenn die Plätzchen fertig zum Backen auf den Blechen lägen, würde meine Mutter sich, da war ich mir sicher, vor lauter Staunen nicht erwehren können das Gebäck zur Vollendung in den Ofen zu schieben. 

Meine kindliche Diplomatie ließ mich nicht im Stich, mein Plan ging auf und die Plätzchen lagen schließlich perfekt, wie gemalt zum Auskühlen auf dem Rost.
Mit stolz geschwellter Brust betrachtete ich mein Werk und konnte es kaum erwarten, davon zu kosten.
Aber oh weh, das dicke Ende folgte auf dem Fuß. Der erste Biss katapultierte mich innerhalb vom Bruchteil einer Sekunde auf den Boden der Tatsachen: Was ich da fabriziert hatte, konnte zwar dem Augenschein nach mit der Backkunst meiner Mutter durchaus konkurrieren, aber es schmeckte einfach scheußlich: Steinhart und nur nach Salz, sonst nichts! Das Allerschlimmste aber war die Reaktion meiner Mutter, der nachdem sie probiert hatte bewusst wurde, dass ich ihre mütterliche Autorität, wenn auch mit entwaffnendem kindlichen Charme, untergraben hatte.
Daher folgte die pädagogische Konsequenz unmittelbar und hing nach meinem Empfinden für nicht enden wollende Stunden wie ein Damoklesschwert über meinem Kopf: 
Die Plätzchen sollten nach dem Beschluss meiner Mutter nämlich keineswegs im Müll landen sondern von mir gegessen werden.

Ich sehe mich heute noch zusammengesunken und jämmerlich vor der Heizung sitzen, über der auf dem Fensterbrett die Plätzchen aufgereiht lagen. Ich zählte sie im Geiste wieder und wieder, aber es wollten einfach nicht weniger werden! Verzweifelt biss ich erneut in das erste Plätzchen, aber der Geschmack hatte sich nicht verändert. 
Was hätte ich jetzt um die Hilfe einer guten Fee gegeben, die den Fluch den mein Irrtum  mir eingebracht hatte, aufheben – und das Salz aus den Plätzchen mit Zucker ersetzen würde.
Aber nichts dergleichen geschah. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit erlöste mich meine Mutter, nachdem sie mir das Versprechen abgenommen hatte, mich nie mehr ohne sie davon zuvor in Kenntnis gesetzt zu haben auf eigene Faust in der Küche zu betätigen. 

Erst viele Jahre später wurde das Werkeln mit Salzteig zum Trend. Ich erinnere mich noch an Adventskränze aus Salzteig, die kunstvoll mit Blüten und Blättern verziert waren. 
Insgeheim ärgerte ich mich fast ein wenig, dass ich, obwohl ich die eigentliche Erfinderin dieses Teiges bin, diese Innovation nicht erkannt hatte.

(C) Beate Neufeld
Ein Erlebnis aus meiner Kindheit

Der Weihnachtsbasar

Wenn ich nicht frühzeitig den Raum verlassen hätte, in dem der Flohmarkt für einen wohltätigen Zweck stattfand, um draußen an der frischen Luft auf meine Freundin Maria zu warten, hätte ich sie höchstwahrscheinlich nicht gesehen. Als ich eine Weile vor dem Schaufenster hin- und hergetippelt war, blieb ich stehen und schaute mir die weihnachtliche Dekoration näher an. Das tat ich nur aus Langeweile, denn eigentlich war es nach meinem Empfinden noch viel zu früh für Sternengeflimmer und bunte Glitzerkugeln, es war doch schließlich erst gerade mal Mitte September! 

Aber als ich die Drei am Boden direkt vorne an der Glasscheibe stehen sah, konnte ich meinen Blick nicht wieder von ihnen wenden. 

Sie waren in einer Reihe hintereinander aufgestellt und schienen schon eine ganze Weile gemeinsam auf dem Weg zu sein:

Die heiligen drei Könige, jeder mit einem goldschimmernden Geschenk in den Händen. 

Ich vergaß bei ihrem Anblick Raum und Zeit. Es war mir so als gäbe es nur sie und mich und sie würden mir lebendig und in voller Lebensgröße gegenüber stehen.

„Warum tragt ihr denn immer noch eure Gaben mit euch herum, Weihnachten ist doch längst vorbei. Habt ihr den Weg zur Krippe etwa nicht gefunden und sucht ihn immer noch?“, hörte ich mich in Gedanken fragen.

Offensichtlich träumte ich, denn ich vernahm tatsächlich ihre Stimmen mit denen sie mir antworteten:

„Wir sind nicht mehr auf der Suche: Im Gegenteil, wir haben viel mehr gefunden, als wir je erhofft hatten. Als wir unsere Geschenke an der Krippe abgelegt hatten und in die Augen des Christuskindes blickten, da geschah das Wundersame:

Wir fühlten uns wie in eine Welle von Liebe und wärmendem Licht eingehüllt. Dieses Gefühl war so überwältigend, dass wir es nicht in Worte fassen können. Wie beflügelt und federleichten Schrittes machten wir uns auf den Heimweg. 

Von unserem Erlebnis waren wir so eingenommen, dass wir erst nach einer ganzen Weile bemerkten, dass wir in unseren Händen die Geschenke hielten, die wir selbst als Gabe mitgebracht und an der Krippe abgelegt hatten. Vor Staunen verharrten wir in unseren Schritten und wurden ganz still bis in unsere Seelen hinein und dann erkannten wir das Wunder der Liebe. Uns wurde bewusst, dass in einem Geschenk, das von Herzen kommt immer Beides liegt: Geben und Nehmen. So wird der Schenkende selbst zum Beschenkten!“

„Na du, jetzt hast du aber lange warten müssen. Ich habe so viele wunderschöne Geschenke für Weihnachten entdeckt und dabei völlig die Zeit vergessen.“  Die Stimme meiner Freundin holte mich unsanft wie aus einer anderen Welt zurück in die Realität. 

„Ach, kein Problem“, erwiderte ich noch etwas verwirrt, „es kam mir gar nicht so lange vor.“

Nachdem Maria ihre zahlreichen Tüten im Kofferraum verstaut hatte ließen wir unsere gemeinsame Zeit in einem Café bei einem gemütlichen Plausch enden.

Von meinem Erlebnis mit den Königen erzählte ich nichts. Meine überschäumende Fantasie war mir ja als Kind schon zu genüge von meiner Umwelt attestiert worden. Die vermeintliche Begegnung beschäftigte mich noch eine Weile aber als dann der Advent ins Land gezogen war hatte ich sie längst vergessen. 

Es war eine lieb gewordene Tradition, dass wir uns im Kreis der engsten Freundinnen kurz vor Weihnachten zu einer adventlichen Kaffeestunde trafen und uns gegenseitig ein kleines Geschenk mitbrachten. Wenn wir die Geschenke auspackten wurde uns jedes Jahr auf Neue klar, wie gut wir uns kannten, so dass Jede genau das erhielt, was zu ihr passte und ihren Geschmack entsprach. Jedes Mal breitete sich dabei eine Atmosphäre von Freude und Dankbarkeit über die gegenseitige Wertschätzung aus.

In diesem Jahr wurde mir ein Geschenk der ganz besonderen Art zuteil. Sprachlos und mit Tränen der Rührung hielt ich das Päckchen von Maria mit „meinen heiligen Drei Königen in den Händen. Als ich sie vor mich auf den Tisch gestellt hatte und sie immer noch unentwegt anschaute, schien es mir einen klitzekleinen Moment lang so, als ob  sie mir mit einem liebevollen Augenzwinkern zunickten.

(C) Beate Neufeld

Das Weihnachtswort

Wo ist der Ort an dem die Geschichten geboren werden?

Warten sie etwa bereits an einem geheimen Ort darauf von mir entdeckt zu werden?

Oder tanzen die Buchstaben vielleicht zu einer Melodie die in meinem Herzen erklingt, verbinden sich dabei zu ständig neuen Formationen und bilden auf diese Weise Wörter und Sätze?

Diese und ähnliche Gedanken gingen mir durch den Sinn als ich mit gezücktem Stift vor leeren Blättern saß. Wieder einmal. 

So ging das nun schon seit Wochen. Ich hatte mir für dieses Jahr fest vorgenommen dem vorweihnachtlichen Stress zu entgehen. Es war bereits zur Tradition geworden, dass ich in Familie und Freundeskreis eine selbstverfasste Weihnachtsgeschichte verschenkte. 

Aber jetzt stand ich offensichtlich vor einem Dilemma, es kam mir vor als hätten sich sämtliche Buchstaben klammheimlich aus dem Staub gemacht und eine gähnende Leere in meinem Kopf hinterlassen. 

Und dabei brannte es mir schon unter den Nägeln, ich war hochmotiviert und würde so gerne eine Geschichte zu Papier bringen, die das Herz erwärmt und ein zartes freudiges Glühen auf die Wangen zaubert. 

Aber wie sollte das geschehen, wenn nicht einmal ein einziger  Buchstabe in Sichtweite war?

„Hallo, wo habt ihr euch versteckt? Habe ich euch etwa vergrault?“ rief ich im Geiste verzweifelt in die Leere.

Genau in dem Moment als ich das gedacht hatte, wurde mir bewusst, dass alles völlig anders war.

Von einer Leere im Kopf konnte doch überhaupt nicht die Rede sein, nein im Gegenteil, da schwirrten ständig und unaufhörlich Gedanken hin und her und ein und aus. 

Ein wirres unbändiges Durcheinander von Gedankenfetzen, die  so viel Raum einnahmen, dass kein Platz für eine Geschichte blieb. 

Wie könnte ich die Störenfriede in die Schranken weisen, ihnen Einhalt gebieten? 

Als ich darüber nachsann, konnte ich sie plötzlich wahrnehmen: Winzig kleine Lücken zwischen all dem Gedankengewirr. Sie tauchten blitzartig auf um kurz darauf wieder zu verschwinden, sekundenschnell und sternschnuppengleich.

Oh was für ein wunderbares Wort: „Sternschnuppengleich“.

Es schien mir, als ob dieses Wort vor meinen Augen einen Freudentanz aufführte. 

Das war es, das war die Lösung für mein vermeintliches Problem!

Mit der Entdeckung der Lücken hatte sich in mir eine bisher unerkannte Tür geöffnet.

„Da ist er also, der Zugang zum Land der Geschichten! Wieso ist er mir bisher verborgen geblieben?“ dachte ich bei mir

Doch dann wusste ich es plötzlich, es war völlig klar: Natürlich mussten all meine bisherigen Versuche kläglich scheitern, denn ich hatte übersehen, dass eine Geschichte tatsächlich mit einem einzigen Wort beginnt und es folglich nur darauf ankommt dieses eine Wort zu finden. Eine komplette Geschichte konnte schließlich in einer so winzigen Lücke keinen Platz finden, aber ein kleines Wort allemal!

Es lag doch ganz klar auf der Hand: Hätte ich dieses erste Wort gefunden, dann würde es weitere Worte an sich ziehen, so wie Freunde die sich miteinander verbinden. 

So werde ich nun nach innen lauschen und Ausschau halten nach einem Wort für meine Weihnachtsgeschichte.

Ein Weihnachtswort! Und nun kenne ich den Ort, wo diese Wort nur darauf wartet von mir entdeckt zu werden. Ich schließe also meine Augen, setze mich vor die Tür meines Herzens und bin schon in freudiger Erwartung darauf, welches Wort in der nächsten Lücke aufleuchtet.

Mandarinenduft.

„Mandarinenduft?

Was sollte ich denn damit anfangen?

Das soll mein Weihnachtswort sein?“

Aber halt, schon drängeln sich wieder lauter lästige Gedanken in den Vordergrund und machen sich so breit, so dass kein Platz für eine Lücke bleibt!

Ich wende mich  also wieder nach innen und werde still.

Abendrot, Kindheit, Schneeflocken, Vorfreude, Engel, Plätzchenteller, Kerzenlicht.

Oh das sind aber jetzt viele Worte auf einmal, die sich wie zu einer Kette aneinander gereiht haben und sich in mir mit einem angenehmen Gefühl ausbreiten.

„Alles beginnt mit einem Wort“, denke ich und dann geht es fast wie von selbst. 

Lauter warme wohlige Weihnachtswörter gesellen sich zu den schon aufgereihten und ich kann ihnen bei ihrem Reigen zusehen, wie sie immer wieder ihre Position verändern, sich neu formieren bis die Geschichte schließlich vollendet ist.

Mir wird bewusst, dass nicht ich der Geschichtenschreiber bin sondern vielmehr der Beobachter eines Schauspieles das sich vor meinen geistigen Augen abspielt.

Nun bin ich so gespannt, dass ich nicht länger warten möchte, ich schließe also erneut meine Augen und schon hüpft aus einer Lücke das nächste flauschig seelenschmeichelnde Wort und ich bin ich mittendrin in meiner Weihnachtsgeschichte und brauche sie nur noch aufzuschreiben.

Beate Neufeld, im November 2020

Lange habe ich mich hier nicht zu Wirt gemeldet. Die Pause habe ich für mich gebraucht. Keine Ahnung wer mir hier als Leser noch geblieben ist, aber ich werde wieder öfter schreiben, einfach weil es mir gut tut. Seid mir gegrüßt und startet gut in diese Adventszeit.
Für mich hat sie jedes Jahr auf‘s Neue ihren ganz besonderen Reiz.