Sekundenblumen

Sekundenblumen

Mit der Zeit ist das so eine Sache. Sie wird geschätzt, gefürchtet, herbeigesehnt, verdrängt, ausgekostet und vertrödelt. 

Mal erscheint sie zäh wie ein Kaugummi oder vergehend wie im Flug.

Es ist erstaunlich wieviele sorgenschwere Gedanken in einer einzigen Minute Platz finden.

Ein Tag zählt 86.400 Sekunden. Was bleibt, wenn wir am Ende des Tages zurück blicken? Was bleibt, wenn wir am Ende auf unser Leben zurück blicken?

Zuweilen werden wir von ganz besonderen Erlebnissen beschenkt, die vielleicht nur wenige Sekunden andauern, aber das ist nicht wichtig, denn sie gehorchen nicht unserer herkömmlichen Zeitrechnung, sie sind wie aus der Zeit gefallen. Es ist als ob sich plötzlich ein Tor öffnet, ein Zugang zu einem sonst verborgenen Garten.

Ich nenne ihn den Garten der Sekundenblumen. Jede Blumen dieses Gartens erblüht nur für eine einzige Sekunde. Und nur wer in dieser Sekunde ganz gegenwärtig ist, kann sie erblicken. 

Vorgestern öffnete sich das Tor für mich in dem Moment, als ich in das Gesicht eines kleinen Kindes schaute, dass mir an der Hand seiner Großmutter auf dem Gehweg begegnete. 

Als das Kind mich sah, blieb es stehen, strahlte mich mit großen Augen voller Freude an, wandte sich kurz zur Oma und deutet dann mit dem Finger in meine Richtung, als wolle sie diese an der Freude teilhaben lassen. Ich winkte dem Kind im Vorbeigehen zu und spürte eine Welle von Liebe, die uns Drei in diesem Moment überflutete. 

Gestern öffnete sich für mich das Tor zu diesem Garten sogar mehrmals. Ich war zu Besuch bei einer Freundin. Die Hauskatze Lilly ist normalerweise nicht zutraulich, wir kennen uns schon seit sie bei meiner Freundin als winziges Katzenbaby eingezogen ist. Ein Findelkind, dass mutterlos vom Sohn des Hauses auf der Straße aufgelesen wurde. Die Struktur ihres Felles verrät, dass sie Gene von Wildkatzen in sich trägt. So ist sie auch in ihrem Verhalten ein recht wildes Mädchen, unberechenbar und mit Vorsicht zu genießen. 

Als ich sie gestern auf ihrem Platz auf dem Sofa liegen sah, begrüßte ich sie aus der Ferne und sprach leise ein paar Worte mit ihr. Ganz unvermittelt kommunizierte sie mit mir, in dem sie mir in „Katzensprache“ antwortete. In diesem Moment war ich sehr berührt und sah die erste Sekundenblume erblühen. 

Dieses Verhalten kannte ich bisher nur von dem Kater einer anderen Freundin, der mich gewöhnlich bei meinen Besuchen immer an der Haustüre sitzend mit einer längere „Ansprache“ begrüßte. Bei Lilli hingegen hatte ich dergleichen in ihrem jetzt bereits 13 jährigen Leben niemals beobachtet. 

Es ging dann noch weiter, denn Lilli strich kurz darauf schnurrend um meine Beine und rieb ihren Kopf an meiner  Hand. Ich weiß, dass das eine Liebesbekundung ist. 

Der Höhepunkt der freudigen Überraschungen folgte dann später am Nachmittag, als ich mich auf den Sessel gesetzt hatte, um dem Akkordeon-Spiel meiner Freundin zu lauschen. Lilli kam schnurrend auf meinen Schoß und ließ sich genüsslich streicheln und kraulen und schlief schließlich dort entspannt ein.  

Durch die liebevollen Zuwendung von Lilli durfte ich gestern zahlreiche Sekundenblumen erblühen sehen. 

Der fliegende Nikolaus

Herr Gutenbüchel war in der ganzen Siedlung in der er wohnte bekannt wie ein bunter Hund. Während die Erwachsenen ihn eher mit einer Mischung aus zurückhaltender Skepsis und einem verständnislosem Kopfschütteln betrachteten, sorgte seine lustige, unkonventionelle, kreative und überaus freundliche Art dafür, dass er bei uns Kindern einen dicken „Stein im Brett“ hatte. Er nutzte jede Gelegenheit um uns zu überraschen und ein Lachen auf unser Gesicht zu zaubern.
Seine Spezialität waren selbst gefaltete Papierflugzeuge, die er zu unserer Freude oft überraschend von seinem Balkon zu uns herunter fliegen ließ, wenn wir an seinem Haus vorüber liefen.
Im Laufe seines Lebens hatte er seine Faltkünste derart perfektioniert, dass uns Kindern nicht selten der Mund vor Staunen offen stehen blieb, wenn wir die außerordentlichen Flugbahnen beobachteten.
Durch sein Vorbild angespornt übten wir uns im Nacheifern, aber keines der von uns selbst gefalteten Flugzeuge flog auch nur annähernd so weit oder so hoch.
An diesen ganz besonderen Nikolaustag von dem ich euch erzählen möchte, erinnere mich noch als ob es erst im Advent des vergangenen Jahres gewesen wäre, dabei ist das Erlebnis gut und gerne 50 Jahre her. 
Zur Mittagszeit hatten wir Kinder, kaum aus der Schule zurückgekehrt, unseren Ranzen geschwind in die Ecke gefeuert, denn wie üblich hatte uns der Lehrer zur Feier des Tages die Hausaufgaben erlassen. Nach dem Mittagessen trafen wir uns zum Spiel draußen im Hof hinter den Wohnblocks. 
An diesem Tag waren wir wie in jedem Jahr von kribbeliger Vorfreude erfüllt, denn es war Tradition, dass bis zum frühen Abend der Nikolaus seine Geschenke verteilte. Wir durften nicht eher nach Hause, bis dass wir von der Mutter gerufen wurden. 
Dann verlief alles nach einem lieb gewonnenen Ritual: Kaum dass ich die Wohnungstür geöffnet hatte, stürzte ich in mein Kinderzimmer, dort stand dann jeweils eine bunte Tüte gefüllt mit Mandarinen, Lebkuchen und einem Schokoladennikolaus. Dazu gab es ein kleines Geschenk, sozusagen als Vorgeschmack auf Weihnachten. Kennt ihr diese kleinen Bilderbücher, es waren eher Heftchen mit jeweils nur einer Geschichte darin? Ich habe sie sehr gemocht und war glücklich eines davon zu erhalten.
Aber nun zurück zu unserem Erlebnis an diesem ganz besonderen Nikolaustag:
Wir Fünf vom Hinterhof, eine eingeschworene Freundestruppe, machten uns nachdem wir eine Weile Fußball gespielt hatten auf den Weg durch das Dorf. Wir wollten mal ordentlich die Augen aufmachen und schauen, ob wir nicht doch irgendwo einen Blick auf den Nikolaus  erhaschen konnten. Irgendwo musste er ja zu sehen sein auf seinem Weg zu den Häusern wo er die Geschenke verteilte.
Gerade als wir durch die Schustergasse an dem Haus in dem Herr Gutenbüschel wohnte vorbei liefen, trauten wir unseren Augen nicht, denn plötzlich wie aus heiterem Himmel erblickten wir erst ein, zwei, drei dann immer mehr Fallschirmchen, die in elegantem Schwebeflug über unseren Köpfen zu Boden glitten. Aber was für eine Überraschung: Als wir den ersten in unserer Hand hielten, sahen wir , dass ein winziger Nikolaus, aus einem Korken gebastelt, sich an dem Fallschirm aus Papiertaschentuch festhielt. 
Herr Gutenbüschel hatte ganze Arbeit geleistet und uns mit einer Horde von Nikoläusen sozusagen überschüttet. Mit einem breiten und überaus zufriedenem Grinsen auf dem Gesicht strahlte er uns spitzbübisch an. 
Wir hüpften vor Freude und winkten ihm dankbar zu.

(C) Beate Neufeld , inspiriert von einer Kindheitserinnerung einer Freundin und frei erfunden ausgeschmückt und weitergesponnen

Plätzchenduft

Kennt ihr Salzteig, den man zum Basteln anstelle von fertig gekaufter Modelliermasse verwendet? Dumme Frage, denkt ihr jetzt sicher, wer kennt den nicht? Aber wisst ihr auch wer ihn erfunden hat? Ja, jetzt hab ich euch. Da müsst ihr passen, hab ich Recht?
Aber ich kann eure Wissenslücke schließen, ja da staunt ihr nicht schlecht, oder?
Ich habe den Salzteig nämlich selbst erfunden, im Alter von etwa 6 Jahren, jawoll!
Und das ganz zufällig und absichtslos. 
Nun wollt ihr sicher wissen, wie das geschehen konnte? Ich will es euch erzählen.

Schon von klein auf habe ich meiner Mutter, die ausgezeichnet gerne und gut kochen und backen konnte, mit Vorliebe zugeschaut wie sie in unserer Küche herumwirbelte und auf wundersame Weise die leckersten Köstlichkeiten zauberte. 
In der Weihnachtszeit zog mich der Duft von frisch gebackenen Plätzchen wie magisch an und weil ich mit großer Aufmerksamkeit bei der Sache war, dauert es gar nicht lange, bis ich erkannte, dass das Ganze gar keine Hexerei war. Eigentlich war es ein Kinderspiel den Teig für die Plätzchen herzustellen, wenn man nur wusste, welche Zutaten benötigt wurden. Und so kam der Tag an dem ich mir meiner Fähigkeit die Plätzchen alleine auf das Blech zu bringen vollkommen sicher war. Nur vor der Betätigung des Backofens hatte ich Respekt. Da ich mir genauso sicher war, dass eine voreilige Frage mein Backvergnügen gefährden würde, beschloss ich im Alleingang die ersten Schritte zu bewältigen und wenn die Plätzchen fertig zum Backen auf den Blechen lägen, würde meine Mutter sich, da war ich mir sicher, vor lauter Staunen nicht erwehren können das Gebäck zur Vollendung in den Ofen zu schieben. 

Meine kindliche Diplomatie ließ mich nicht im Stich, mein Plan ging auf und die Plätzchen lagen schließlich perfekt, wie gemalt zum Auskühlen auf dem Rost.
Mit stolz geschwellter Brust betrachtete ich mein Werk und konnte es kaum erwarten, davon zu kosten.
Aber oh weh, das dicke Ende folgte auf dem Fuß. Der erste Biss katapultierte mich innerhalb vom Bruchteil einer Sekunde auf den Boden der Tatsachen: Was ich da fabriziert hatte, konnte zwar dem Augenschein nach mit der Backkunst meiner Mutter durchaus konkurrieren, aber es schmeckte einfach scheußlich: Steinhart und nur nach Salz, sonst nichts! Das Allerschlimmste aber war die Reaktion meiner Mutter, der nachdem sie probiert hatte bewusst wurde, dass ich ihre mütterliche Autorität, wenn auch mit entwaffnendem kindlichen Charme, untergraben hatte.
Daher folgte die pädagogische Konsequenz unmittelbar und hing nach meinem Empfinden für nicht enden wollende Stunden wie ein Damoklesschwert über meinem Kopf: 
Die Plätzchen sollten nach dem Beschluss meiner Mutter nämlich keineswegs im Müll landen sondern von mir gegessen werden.

Ich sehe mich heute noch zusammengesunken und jämmerlich vor der Heizung sitzen, über der auf dem Fensterbrett die Plätzchen aufgereiht lagen. Ich zählte sie im Geiste wieder und wieder, aber es wollten einfach nicht weniger werden! Verzweifelt biss ich erneut in das erste Plätzchen, aber der Geschmack hatte sich nicht verändert. 
Was hätte ich jetzt um die Hilfe einer guten Fee gegeben, die den Fluch den mein Irrtum  mir eingebracht hatte, aufheben – und das Salz aus den Plätzchen mit Zucker ersetzen würde.
Aber nichts dergleichen geschah. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit erlöste mich meine Mutter, nachdem sie mir das Versprechen abgenommen hatte, mich nie mehr ohne sie davon zuvor in Kenntnis gesetzt zu haben auf eigene Faust in der Küche zu betätigen. 

Erst viele Jahre später wurde das Werkeln mit Salzteig zum Trend. Ich erinnere mich noch an Adventskränze aus Salzteig, die kunstvoll mit Blüten und Blättern verziert waren. 
Insgeheim ärgerte ich mich fast ein wenig, dass ich, obwohl ich die eigentliche Erfinderin dieses Teiges bin, diese Innovation nicht erkannt hatte.

(C) Beate Neufeld
Ein Erlebnis aus meiner Kindheit

Chillen üben

Heute Vormittag traf ich eine Freundin, die mir eine Begebenheit erzählte, die ich dann in folgende kleine Geschichte „verpackt„ habe:

Lina sah etwas besorgt in das erschöpfte Gesicht von ihrer Großmutter und sagte:
„Oma, du musst unbedingt mal Chillen!“
„Chillen, wie geht das denn?“, fragte diese verwundert.
Lina nahm ihre Oma einfach bei der Hand und zog sie mit nach draußen auf die Wiese. „Komm mit, ich zeige es dir!“
Sie ließ sich mit ausgebreiteten Armen auf der Wiese nieder und klopfte mit einer Hand neben sich: „Komm Oma, leg dich neben mich!“ 

Oma nimmt verdutzt aber ohne Widerspruch Platz und fragt: „Und jetzt?“
Lina erklärt: „ Ja da hast du jetzt verschiedene Möglichkeiten: Manche Menschen schauen einfach mal, was es um sie herum zu sehen gibt, andere schließen die Augen  und wieder andere schauen auf ihr Handy, aber ich empfehle dir, schau doch einfach mal in den Himmel und auf der Wiese herum.“
Nach kurzer Zeit sagt die Oma: „Puuh, das ist gar nicht so einfach!“ 
Da erwidert Lina in aufmunterndem aber leicht energischem Tonfall: „Oma, das musst du üben! Das schaffst du schon! Immer wieder üben!“