Es gibt immer einen Weg

Es war einmal ein kleines Mädchen, das lebte schon Zeit ihres Lebens in einem kleinen Dorf. Sie wuchs behütet und gut umsorgt auf und war glücklich und zufrieden, denn sie hatte alles was sie brauchte. So wuchs sie heran und wurde immer mutiger und selbstständiger. Mit der Zeit hatte sie das Gefühl, dass sie nicht nur ihren Kinderkleidern entwachsen war, sondern sie fühlte, dass ihr auch das Heimat-Dorf zu eng geworden war. Also verspürte sie den Wunsch, hinaus zu gehen und die Welt zu erkunden. Als sie davon ihren Eltern erzählte wurde deren Miene sehr ernst und sie sprachen, dass ihr Wunsch sich niemals erfüllen könnte, denn es wäre unmöglich, zu einem anderen Ort zu gelangen. Der einzige Weg der aus dem Dorf hinaus führte, wäre von einem Baum versperrt, der mitten darauf gewachsen war. Dieser Baum sei schon uralt und stände dort schon seit sie denken konnten und schon dass ihre Eltern hätten von deren Vorfahren erfahren, dass es Gottes Wille sei, dass diese Grenze nicht überschritten wird, denn sonst hätte er dort keinen Baum wachsen lassen.

Als die Neugier und der Drang nach Freiheit in ihr weiter gewachsen war, machte sie sich eines Tages heimlich auf den Weg hinaus aus dem Dorf. Sie konnte schon von Weitem den Baum erblicken, der in der Ferne seine mächtige Krone mitten über dem Weg ausgebreitet hatte. Sie dachte bei sich, dass es schließlich nicht verboten sei, bis an den Baum heran zu gehen und ließ sich nicht aufhalten. Sie lief einfach weiter, Schritt für Schritt und als sie eine kleine Weile unterwegs war, traute sie zunächst ihren Augen nicht. Was geschah hier, der Baum schien sich mit ihr zu bewegen, denn je näher sie kam, desto mehr schob er sich zur Seite. Offensichtlich gab er den Weg Stück um Stück frei. Ihre Schritte wurden leichter und schneller und schließlich verschwanden alle Grenzen und ihr eröffnete sich eine völlig neue Welt. 

(C) Beate Neufeld

Baldurs Weg durch die Dunkelheit

Es war in einer Zeit als in der Welt die Angst und mit ihr die Dunkelheit immer mehr zunahm und übermächtig erschien. Kaum ein Mensch konnte die Hoffnung aufrecht erhalten und daran glauben, dass das Licht der Liebe die stärkste Kraft ist und sich alles zum Guten wenden würde.

So kam es, dass selbst Baldur, dessen Eltern diesen Namen ausgewählt hatten, damit ihm niemals der Mut ausgehen solle, vollkommen verzweifelt war. 

Er sah keinen Ausweg mehr. Die Last des Lebens lag wie Blei auf seinen Schultern.

Eines Tages lief er schweren Schrittes seinen Weg nach Hause, als er plötzlich und unvermittelt innehielt. 

Eine dünne Stimme streifte sein Ohr, sie war so zart wie eine Flaumfeder, so dass ihre Worte wie im Windhauch verhallten. Er hob seinen Blick, konnte aber nicht sehen, wer zu ihm gesprochen hatte. 

Noch einmal erklang das zerbrechliche Stimmchen und dieses Mal vernahm er die Worte: „ Hallo Baldur, ich bin Nadja, mein Name bedeutet Hoffnung.“

„Hoffnung?, fragte er zweifelnd, „für mich gibt es keine Hoffnung, die habe ich längst verloren.“

„Aber ich bin hier“, erwiderte Nadja, „ganz nah bei dir, sonst könntest du mich doch nicht hören!“

Baldur winkte ab: „Ach hören, das ist doch kein Beweis, ich glaube nur was ich sehen kann!“

„Aber ich bin nun einmal unsichtbar!“ wandte Nadja ein.

Daraufhin wurde Baldur misstrauisch: „Dann kannst  du nicht die echte Hoffnung sein, du willst mich doch täuschen!“

„Wie kommst du denn auf diese Idee, hast du mich, die Hoffnung denn jemals gesehen?“, fragte ihn Nadja.

Diese Frage machte Baldur dann eine ganze Weile sprachlos. Er dachte sehr lange darüber nach. Tatsächlich konnte er sich ganz schwach an Zeiten seines Lebens erinnern, die mit Hoffnung erfüllt gewesen waren. Und schließlich musste er sich eingestehen, dass diese Hoffnung niemals sichtbar vor seinen Augen gestanden hatte, sondern eine unsichtbare Begleiterin gewesen war. 

„Tut mir Leid, ich habe dir Unrecht getan, ich glaube dir nun, dass du es bist, die Hoffnung, die ich verlor. Aber auch wenn du hier bist, so kann ich dich dennoch nicht spüren. Meine Angst ist übergroß, ich kämpfe Tag um Tag gegen sie an, damit es endlich wieder leichter wird, aber ich habe bald keine Kraft mehr. 

Meine Lage ist aussichtslos. Es scheint mir so, als ob die Dunkelheit alles Licht in ihrem rabenschwarzen Rachen verschlungen hat. Ich irre umher und kann keinen Weg mehr finden, der mich hinaus führt.

Nadja sah ihn sehr lange und voller Mitgefühl an und schließlich sprach sie:

„Baldur, ich kenne deine Angst, ich verrate dir nun ihren Namen, sie heißt Angustia. Höre auf gegen sie zu kämpfen Baldur! 

Wenn du sie ganz nah an dich heran lässt, so nah wie ich dir bin, dann können wir, die Hoffnung und die Angst, uns umarmen.“

Baldur wusste nicht wie ihm geschah. In dem Moment, als ihn die Kraft zu verlassen schien, gab er die Abwehr auf und sah zum ersten Mal seiner Angst ins Gesicht. 

Zu seinem fassungslosen Erstaunen erschien sie ihm gar nicht mehr ganz so riesig wie er sie sich vorgestellt hatte und je näher er sie an sich heran ließ, desto kleiner wurde sie. In dem Moment als sie ganz bei ihm angekommen war umarmten sich Nadja und Angustia. 

Baldur spürte in diesem Augenblick neue Kraft in sich einströmten. Er richtete sich auf, die Schleier um seine Augen lichteten sich wie davon ziehende Nebelschwaden und er konnte sehen, dass in der Umarmung von Hoffnung und Angst ein Licht geboren wurde. 

Es war zwar winzig klein, aber dennoch konnte die Dunkelheit sich in seiner Nähe nicht halten und wurde von ihm erleuchtet. 

Baldur wusste nun, dass dieses Licht der Liebe ihn begleiten würde. 

Hoffnungsvoll setzte er seinen Weg durch die Dunkelheit fort. Das Licht reichte aus, um seinen Weg jeweils für den nächsten Schritt zu erleuchten und das war alles was er brauchte. 

(C) Beate Neufeld

       17.12.2020

Der fliegende Nikolaus

Herr Gutenbüchel war in der ganzen Siedlung in der er wohnte bekannt wie ein bunter Hund. Während die Erwachsenen ihn eher mit einer Mischung aus zurückhaltender Skepsis und einem verständnislosem Kopfschütteln betrachteten, sorgte seine lustige, unkonventionelle, kreative und überaus freundliche Art dafür, dass er bei uns Kindern einen dicken „Stein im Brett“ hatte. Er nutzte jede Gelegenheit um uns zu überraschen und ein Lachen auf unser Gesicht zu zaubern.
Seine Spezialität waren selbst gefaltete Papierflugzeuge, die er zu unserer Freude oft überraschend von seinem Balkon zu uns herunter fliegen ließ, wenn wir an seinem Haus vorüber liefen.
Im Laufe seines Lebens hatte er seine Faltkünste derart perfektioniert, dass uns Kindern nicht selten der Mund vor Staunen offen stehen blieb, wenn wir die außerordentlichen Flugbahnen beobachteten.
Durch sein Vorbild angespornt übten wir uns im Nacheifern, aber keines der von uns selbst gefalteten Flugzeuge flog auch nur annähernd so weit oder so hoch.
An diesen ganz besonderen Nikolaustag von dem ich euch erzählen möchte, erinnere mich noch als ob es erst im Advent des vergangenen Jahres gewesen wäre, dabei ist das Erlebnis gut und gerne 50 Jahre her. 
Zur Mittagszeit hatten wir Kinder, kaum aus der Schule zurückgekehrt, unseren Ranzen geschwind in die Ecke gefeuert, denn wie üblich hatte uns der Lehrer zur Feier des Tages die Hausaufgaben erlassen. Nach dem Mittagessen trafen wir uns zum Spiel draußen im Hof hinter den Wohnblocks. 
An diesem Tag waren wir wie in jedem Jahr von kribbeliger Vorfreude erfüllt, denn es war Tradition, dass bis zum frühen Abend der Nikolaus seine Geschenke verteilte. Wir durften nicht eher nach Hause, bis dass wir von der Mutter gerufen wurden. 
Dann verlief alles nach einem lieb gewonnenen Ritual: Kaum dass ich die Wohnungstür geöffnet hatte, stürzte ich in mein Kinderzimmer, dort stand dann jeweils eine bunte Tüte gefüllt mit Mandarinen, Lebkuchen und einem Schokoladennikolaus. Dazu gab es ein kleines Geschenk, sozusagen als Vorgeschmack auf Weihnachten. Kennt ihr diese kleinen Bilderbücher, es waren eher Heftchen mit jeweils nur einer Geschichte darin? Ich habe sie sehr gemocht und war glücklich eines davon zu erhalten.
Aber nun zurück zu unserem Erlebnis an diesem ganz besonderen Nikolaustag:
Wir Fünf vom Hinterhof, eine eingeschworene Freundestruppe, machten uns nachdem wir eine Weile Fußball gespielt hatten auf den Weg durch das Dorf. Wir wollten mal ordentlich die Augen aufmachen und schauen, ob wir nicht doch irgendwo einen Blick auf den Nikolaus  erhaschen konnten. Irgendwo musste er ja zu sehen sein auf seinem Weg zu den Häusern wo er die Geschenke verteilte.
Gerade als wir durch die Schustergasse an dem Haus in dem Herr Gutenbüschel wohnte vorbei liefen, trauten wir unseren Augen nicht, denn plötzlich wie aus heiterem Himmel erblickten wir erst ein, zwei, drei dann immer mehr Fallschirmchen, die in elegantem Schwebeflug über unseren Köpfen zu Boden glitten. Aber was für eine Überraschung: Als wir den ersten in unserer Hand hielten, sahen wir , dass ein winziger Nikolaus, aus einem Korken gebastelt, sich an dem Fallschirm aus Papiertaschentuch festhielt. 
Herr Gutenbüschel hatte ganze Arbeit geleistet und uns mit einer Horde von Nikoläusen sozusagen überschüttet. Mit einem breiten und überaus zufriedenem Grinsen auf dem Gesicht strahlte er uns spitzbübisch an. 
Wir hüpften vor Freude und winkten ihm dankbar zu.

(C) Beate Neufeld , inspiriert von einer Kindheitserinnerung einer Freundin und frei erfunden ausgeschmückt und weitergesponnen

Der Weihnachtsbasar

Wenn ich nicht frühzeitig den Raum verlassen hätte, in dem der Flohmarkt für einen wohltätigen Zweck stattfand, um draußen an der frischen Luft auf meine Freundin Maria zu warten, hätte ich sie höchstwahrscheinlich nicht gesehen. Als ich eine Weile vor dem Schaufenster hin- und hergetippelt war, blieb ich stehen und schaute mir die weihnachtliche Dekoration näher an. Das tat ich nur aus Langeweile, denn eigentlich war es nach meinem Empfinden noch viel zu früh für Sternengeflimmer und bunte Glitzerkugeln, es war doch schließlich erst gerade mal Mitte September! 

Aber als ich die Drei am Boden direkt vorne an der Glasscheibe stehen sah, konnte ich meinen Blick nicht wieder von ihnen wenden. 

Sie waren in einer Reihe hintereinander aufgestellt und schienen schon eine ganze Weile gemeinsam auf dem Weg zu sein:

Die heiligen drei Könige, jeder mit einem goldschimmernden Geschenk in den Händen. 

Ich vergaß bei ihrem Anblick Raum und Zeit. Es war mir so als gäbe es nur sie und mich und sie würden mir lebendig und in voller Lebensgröße gegenüber stehen.

„Warum tragt ihr denn immer noch eure Gaben mit euch herum, Weihnachten ist doch längst vorbei. Habt ihr den Weg zur Krippe etwa nicht gefunden und sucht ihn immer noch?“, hörte ich mich in Gedanken fragen.

Offensichtlich träumte ich, denn ich vernahm tatsächlich ihre Stimmen mit denen sie mir antworteten:

„Wir sind nicht mehr auf der Suche: Im Gegenteil, wir haben viel mehr gefunden, als wir je erhofft hatten. Als wir unsere Geschenke an der Krippe abgelegt hatten und in die Augen des Christuskindes blickten, da geschah das Wundersame:

Wir fühlten uns wie in eine Welle von Liebe und wärmendem Licht eingehüllt. Dieses Gefühl war so überwältigend, dass wir es nicht in Worte fassen können. Wie beflügelt und federleichten Schrittes machten wir uns auf den Heimweg. 

Von unserem Erlebnis waren wir so eingenommen, dass wir erst nach einer ganzen Weile bemerkten, dass wir in unseren Händen die Geschenke hielten, die wir selbst als Gabe mitgebracht und an der Krippe abgelegt hatten. Vor Staunen verharrten wir in unseren Schritten und wurden ganz still bis in unsere Seelen hinein und dann erkannten wir das Wunder der Liebe. Uns wurde bewusst, dass in einem Geschenk, das von Herzen kommt immer Beides liegt: Geben und Nehmen. So wird der Schenkende selbst zum Beschenkten!“

„Na du, jetzt hast du aber lange warten müssen. Ich habe so viele wunderschöne Geschenke für Weihnachten entdeckt und dabei völlig die Zeit vergessen.“  Die Stimme meiner Freundin holte mich unsanft wie aus einer anderen Welt zurück in die Realität. 

„Ach, kein Problem“, erwiderte ich noch etwas verwirrt, „es kam mir gar nicht so lange vor.“

Nachdem Maria ihre zahlreichen Tüten im Kofferraum verstaut hatte ließen wir unsere gemeinsame Zeit in einem Café bei einem gemütlichen Plausch enden.

Von meinem Erlebnis mit den Königen erzählte ich nichts. Meine überschäumende Fantasie war mir ja als Kind schon zu genüge von meiner Umwelt attestiert worden. Die vermeintliche Begegnung beschäftigte mich noch eine Weile aber als dann der Advent ins Land gezogen war hatte ich sie längst vergessen. 

Es war eine lieb gewordene Tradition, dass wir uns im Kreis der engsten Freundinnen kurz vor Weihnachten zu einer adventlichen Kaffeestunde trafen und uns gegenseitig ein kleines Geschenk mitbrachten. Wenn wir die Geschenke auspackten wurde uns jedes Jahr auf Neue klar, wie gut wir uns kannten, so dass Jede genau das erhielt, was zu ihr passte und ihren Geschmack entsprach. Jedes Mal breitete sich dabei eine Atmosphäre von Freude und Dankbarkeit über die gegenseitige Wertschätzung aus.

In diesem Jahr wurde mir ein Geschenk der ganz besonderen Art zuteil. Sprachlos und mit Tränen der Rührung hielt ich das Päckchen von Maria mit „meinen heiligen Drei Königen in den Händen. Als ich sie vor mich auf den Tisch gestellt hatte und sie immer noch unentwegt anschaute, schien es mir einen klitzekleinen Moment lang so, als ob  sie mir mit einem liebevollen Augenzwinkern zunickten.

(C) Beate Neufeld