18. Dezember – Der Glitzerstein

Der Glitzerstein

Die Sonne schien und in der Ferne hatte sich eine schmale Wolkenreihe wie zu einer Kette am sonst makellos blauen Himmel aufgereiht.
Wir hatten uns an diesem letzten Urlaubstag entschlossen die Stunden vor der Heimreise ganz entspannt am Ufer des Sees zu verweilen.
Eine wohltuende Ruhe hatte sich über dieses Fleckchen Erde gelegt, so als ob ein vorwitzige Seemöwe sich auf den Uhrzeiger gesetzt und die Zeit ein wenig ausgebremst hätte.
Die Temperaturen und das Licht der Sonne waren fast sommerlich aber doch irgendwie anders.
Es kam mir vor, als wären wir durch eine Zeitlücke in eine andere Dimension gelangt, irgendwo zwischen „nicht mehr Sommer und noch nicht Herbst“.
Als ich also am Ufer saß und meinen Blick über die Steine zu meinen Füßen schweifen ließ, fand ich ihn, den Glitzerstein.
Weil sich die Sonne in tausend Pünktchen auf seiner Oberfläche widerspiegelte, entdeckte ich ihn zwischen all den anderen Steinen.
Ich hob ihn auf und bewegte ihn in meiner Hand und dabei bemerkte ich, dass der Stein sein Aussehen verändert, je nachdem aus welchem Blickwinkel ich ihn betrachte.
Einmal wirkt er völlig unauffällig und wenn ich den Stein dann um ein paar Millimeter drehe, beginnt er zu funkeln als wenn die Sonne ihr Licht in abertausend Lichtspritzern auf die Erde geworfen hätte und einige davon in diesem Stein eingebunden wären.
Ist es nicht auch ganz ähnlich mit meinem Leben, sinnierte ich?
Je nachdem aus welchem Blickwinkel ich meine Lebenszeit betrachte, je nachdem wie ich es drehe und wende, kann ich mir die sonnigen Seiten ins Bewusstsein zurückrufen und darin den Segen des Lichts erkennen, der über meinem Lebensweg liegt und auch die dunklen Zeiten überdauert.

17. Dezember – Das Geschenk des heutigen Tages

Das Geschenk des heutigen Tages

Neulich hörte ich einen Spruch in dem sinngemäß zum Ausdruck gebracht wurde, dass jeder Mensch bei seiner Geburt die ganze Welt geschenkt bekommt und dass die meisten Menschen sterben, bevor sie auch nur das Geschenkband gelöst haben.
Nun, ich stelle es mir so vor, dass unzählige Geschenke auf meinem Lebensweg liegen und darauf warten, von mir entdeckt und ausgepackt zu werden.
Heute war solch ein Tag, an dem mein Blick aufmerksam und meine Sinne wach waren.
Ich habe meine Geschenke heute ausgepackt:
Der Duft des Sommers nach Getreide und Lindenblüten, der Gesang der Lerchen und das muntere Krächzen der Krähen.
Die Wölkchen über dem Feldweg und die mutige Mohnblume die als Einzelexemplar stolz und selbstbewusst noch ein Stückchen höher gewachsen ist als alles um sie herum.
Die Sonne auf meiner Haut und das gelegentliche kühle Lüftchen.
Der Anblick der friedlichen Landschaft, die nichts weiß von Feindschaft und Kampf.
Ich wünsche dir, dass auch du deine Geschenke auspacken wirst! Heute, morgen und an jedem deiner Tage!

15. Dezember – Felix der Glückliche

Felix – Der Glückliche

Als Felix an diesem Morgen seinen rechten Arm widerstrebend aus der ihn wohlig wärmenden Bettdecke herausstreckte um den aufdringlichen Wecker mit einem beherzten Schlag zum Schweigen zu bringen, schien es ein ganz normaler Tag zu werden.
Sein erster Gang führte ihn wie gewöhnlich in die Küche.
Der Griff zur Schranktür um die Filtertüte und das Kaffeepulver herauszuholen war zur liebgewordene Routine geworden.
Felix blieb seinen Traditionen gerne treu, er war kein Freund von diesen herzlosen Kaffeevollautomaten, nein er liebte es, dem Gluggern des sich langsam erhitzenden Wassers zu zuhören, während er im Bad seine Zähne putzte.
Wie stets an seinen arbeitsfreien Tagen setzte er sich auch heute mit einer Tasse Kaffee an den Küchentisch und blätterte in einer Illustrierten.
Jetzt blieb sein Blick an der Überschrift einer Werbeanzeige hängen:
„Lässt das Glück auf sich warten?“
Es folgte eine Werbung für den Kauf von Lotterielosen, aber Felix las nicht weiter.
Diese Frage traf ihn mitten ins Herz, er fühlte sich ganz persönlich angesprochen.
Lässt das Glück auf sich warten?
Was für eine merkwürdige Frage?
Während er darüber nachdachte kamen immer weitere Fragen in ihm auf, so als wenn er einer Pflanze, die zahlreiche Ableger bildet, im Zeitraffer beim Wachstum zusehen könnte.
Wartet das Glück auf mich?
Warte ich auf das Glück?
Was ist Glück?
Wo kann ich es finden?
Kann ich das Glück überhaupt finden oder kann nur das Glück mich finden?
Eine ganze Weile schwirrten diese Fragen in Felix Kopf herum und es wurde ihm staunend bewusst, dass er sich noch niemals zuvor Gedanken darüber gemacht hatte.
Seltsam berührt kam ihm jetzt in den Sinn, dass sein Name aus dem Lateinischen kommt und „ Der Glückliche“ bedeutet.
Dann müsste das Glück ja bereits bei ihm sein?
Ich bin Felix der Glückliche, bin ich denn wirklich glücklich?
Nach einer Weile bemerkte er, dass er eigentlich viel besser wusste,
was er nicht war, was er nicht hatte, was er nicht mochte, welche Träume sich nicht erfüllt hatten.
Im Moment war er auf jeden Fall nicht unglücklich, aber glücklich war er eigentlich auch nicht, denn es gab doch so Einiges, was ihm zum perfekten Glück fehlte.
Zum Beispiel eine größere Wohnung, wo er sich ein Hobbyzimmer einrichten könnte, einen besseren Verdienst, damit er sich endlich mal ein neues Auto leisten konnte und eine Frau an seiner Seite fehlte ihm schon lange. Sein Wohnort gefiel ihm auch nicht wirklich, zu viel Industrie rundherum, er würde viel lieber idyllisch im Grünen wohnen.
In seinen Aufzählungen darüber, was er denn nun noch alles entbehrte, um glücklich zu sein, wurde er von einem Blitzgedanken jäh unterbrochen.
Was wäre denn, wenn nun eine gute Fee kommen würde und ihm jetzt auf der Stelle alle diese Wünsche auf einen Schlag erfüllen würde, wäre er dann glücklich?
Ihm wurde ziemlich schnell klar, dass er ganz sicher zufriedener wäre, zumindest für dem Augenblick, aber glücklich?
Um glücklich zu sein, musste da nicht alles dauerhaft gut laufen, also etwa als wenn er ein Abo gewonnen hätte, für einen endlosen „Friede Freude Eierkuchenzustand“, natürlich mit sofortigem Upgrade sobald etwas zum perfekten Glück fehlte, also sozusagen ein unerschöpflicher Vorrat an Urlaub, Geld, tollen Frauen, schicken Autos, neuen Häusern in attraktiven Wohngegenden und weißt du was nicht alles?
Wäre dieses Abo die Eintrittstür zum Glück?
Je länger er sich diesen Zustand vorzustellen versuchte, desto weniger begehrenswert erschien er ihm.
Wenn er immer sofort bekäme, was ihm gerade zu fehlen schien, dann würde wohl die Selbstverständlichkeit sehr bald das Glücksgefühl aufgefressen haben.
Er resümierte: Wenn man alles hatte was man wollte, machte das auch nicht glücklich.
Aus dieser Erkenntnis schloss er, dass das Glück sich wohl irgendwo zwischen all den unerfüllten Wünschen und geplatzten Träumen versteckt halten müsse.
Plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen.
Zwischen den unerfüllten Wünschen und geplatzten Träumen da war er ja bereits angekommen.
Das war doch genau hier, mitten in seinem Leben.
Da stand er, Felix der Glückliche, direkt neben dem Glück und hatte es nicht bemerkt.

13. Dezember – Kochbuch der Erinnerungen

Kochbuch der Erinnerungen

Immer wenn ein Blaubeerpfannkuchen
in der Pfanne brutzelt,
sehe ich es vor mir, wie meine Mutter mit roten Wangen und bunter Schürze in der Küche steht und diese spezielle hausfrauliche Energie verbreitet, die den Raum erfüllt und die ich heute noch spüren kann, genau wie den Geschmack auf meiner Zunge.
Im Laufe meiner Kindheit habe ich solche besonderen Geschmackserlebnisse abgespeichert und mir einen Vorrat im Kochbuch der Erinnerungen angelegt.
Dazu gehören auch die Reibekuchen, oder sollte ich sie treffender „Regenkuchen“ nennen, die mein Vater voll freudiger Begeisterung zubereitet hat, allerdings nur, wenn Regenwetter war. Dann saß er hochmotiviert am Küchentisch und rieb eine Kartoffel nach der anderen. Er erzählte, dass früher nur dann Zeit war, solch ein aufwändigeres Essen zuzubereiten, wenn die Feldarbeit ruhte.
Manchmal durfte ich mir von meiner Mutter ein Essen wünschen und das war dann ganz bestimmt: Kartoffelknödel mit Sauerbraten. Dieses Rezept steht zwar im Kochbuch der Erinnerungen, aber es wird von mir nicht selbst zubereitet, weil niemand aus der Familie diese Vorliebe mit mir teilt.
Meine Mutter war eine gute Köchin. In jungen Jahren besuchte sie ein Mädchenpensionat. Ich konnte mir das nicht so richtig vorstellen. Es hatte für mich die Assoziation von einer Schulung zur Bediensteten in Haushalten der begüterten Gesellschaft. Aber ich glaube tatsächlich, dass es damals einfach zum guten Ton gehörte, wenn man es sich leisten konnte, seiner Tochter eine derartige Ausbildung angedeihen zu lassen, damit sie eine „tüchtige Hausfrau“ werde.
Leider hatte meine Mutter den Großteil ihres Lebens wenig Zeit, all das Gelernte auszuleben, denn die Arbeit im eigenen Geschäft forderte sie mehr als genug.
Aber manchmal schaffte sie sich Raum, um unsere Küche in ein duftendes Koch- und Backparadies zu verwandeln. Sie war eine Meisterin im kunstvollen Verzieren von Torten, mehrstöckige versteht sich, je höher desto besser! Dieses Talent habe ich nicht geerbt, aber Pfannkuchen backe ich auch ganz gerne und gar nicht mal so schlecht.
Wenn ich Geburtstag hatte wünschte ich mir viele Jahre lang aus unerfindlichen Gründen immer ein und denselben Kuchen, nämlich „Kalter Hund“. Es war jedes Mal die gleiche intensive Vorfreude und nachdem ich ein Stück davon gegessen hatte, fragte ich mich jedes Mal, was mich „geritten hatte“ mir diesen viel zu süßen und fettigen Kuchen zu wünschen.
Wenn es Kartoffelpüree gab dann drückte ich dieses mit Vorliebe auf dem Teller platt, so dass ein Großteil des Tellers damit ausgefüllt war und grub mit meiner Gabel Straßen ins Püree. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann ich die Lust an dieser kreativen Esskultur verloren habe.
Ich erinnere mich an den Nudelsalat mit einem schweinchenrosafarbenen Dressing, ich denke es bestand hauptsächlich außer Mayonnaise und ein wenig Tomatenmark, in der Kindheit habe ich ihn geliebt und heute würde ich mich schütteln, wenn ich ihn serviert bekäme.
Was lernen wir daraus: Der Geschmack und die Vorlieben mögen sich im Laufe des Lebens verändern, aber die kleinen Glücksmomente bleiben in unseren Erinnerungen immer abrufbar.

11. Dezember – Heute feiern wir ein Freudenfest

Ansprache zum Geburtstag einer Freundin

Heute feiern wir ein Freudenfest
weil wir so glücklich sind, dass du geboren bist.
Eigentlich ist es das Privileg des Geburtstagskindes
die schönsten Geschenke in den Händen zu halten.
Aber das Leben hält die wundersamsten Überraschungen für uns bereit
und so können wir heute voller Dankbarkeit staunen
welch kostbares Geschenk wir in unseren Herzen tragen,
weil du an unserer Seite bist.
Wenn wir zurückschauen auf die vielen Jahre,
die du uns mit deiner Freundschaft begleitet hast,
sehen wir eine Spur voller Licht, Liebe und Wärme.
Doch das Wesen des Geschenkes liegt in der Wechselseitigkeit.
Es braucht immer Beides: Sender und Empfänger
und deshalb sind hier heute lauter Glückskinder versammelt,
die füreinander zum Geschenk geworden sind.